Friedensjournalist Steven Youngblood zu Besuch an der UniBw

 
„An dem Tag, an dem ich Präsident werde..."

Was passiert, wenn Medien Teile der Wirklichkeit aussparen, wenn die Berichterstattung eine verzerrte Wahrnehmung beim Rezipienten auslöst und ein Friedensjournalist plötzlich als Präsident der Welt das Sagen hätte? Der amerikanische Professor Dr. Steven Youngblood hat es den Masterstudenten des Jahrgangs 2016 verraten.

Steven Youngblood ist Friedensjournalist mit Leib und Seele

 
„Peace journalism is about giving a voice to the voiceless", erklärt Professor Dr. Steven Youngblood mehrfach den Studenten in seiner dreistündigen Veranstaltung über Friedensjournalismus. Anstatt immer nur über und für Eliten zu berichten, solle man auch einmal diejenigen anhören, die man sonst bei der Berichterstattung übersieht. Und das können, abhängig vom Land aus dem ein Beitrag stammt, ganz unterschiedliche Menschen und Gruppierungen sein. 
 

Definition Friedensjournalismus - hier anhören

 

Alumni of the Month

Professor Dr. Steven Youngblood von der Park Universität in Kansas City, Missouri, muss es wissen. Der Amerikaner ist ein gefragter Friedensjournalist und -forscher. Das von ihm gegründete und geleitete „Center for Global Peace Journalism“ wird sogar vom US-Außenministerium bezuschusst. Im August 2012 machte ihn das US-State Department zum „Alumni of the Month“. Eine Auszeichnung, die er sich durch seine langjährigen Forschungen und Studien zum Friedensjournalismus verdient hat. Alle seine publizierten Grundsätze und Leitlinien zum Thema (siehe Infokasten unten) beziehen sich darauf.

So ist er für Forschungsarbeiten und Journalistenworkshops in Länder wie den Süd-Sudan, Uganda, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei gereist, hat mit Journalisten und Experten vor Ort gesprochen, und dabei stets ein offenes Ohr für die Bevölkerung gehabt. Durch sie hat er in Erfahrung bringen können, welchen Einfluss die Medien auf das Denken und die Ansichten von John und Jane Doe (auf Deutsch: den Ottonormalverbraucher) haben.                                                                                                                                                                                                                   

Warum Friedensjournalist? Zum Kurz-Interview mit Prof. Dr. Steven Youngblood

 

Ein Muslim ist ein Terrorist ist ein Muslim

„Journalisten sorgen dafür, wie wir etwas betrachten. So ist es statistisch mehrfach belegt, dass Autofahren weitaus gefährlicher ist als Fliegen. Und trotzdem glauben die Menschen in großer Gefahr zu sein, sobald sie einen Flieger betreten“, erklärt Youngblood und fügt augenzwinkernd hinzu: „Eine Publikation, die ich besonders mag, geht sogar noch weiter. Sie sagt, die Wahrscheinlichkeit den nächsten Prime Minister von England in der Abflughalle anzutreffen, sei höher, als mit einem Flugzeug zu verunglücken.“

Dieses Beispiel freilich scheint zunächst harmlos, weil es keine Angst vor Menschen oder Personengruppen erzeugt. Betrachtet man es aber genauer, so lassen sich tiefer gehende Schlussfolgerungen daraus ziehen: Einzelne Medien schaffen es, durch ihre Berichterstattung Ängste zu schüren. Durch ihr Agenda-Setting und Framing entsteht unabsichtlich oder im schlimmsten Falle willentlich, eine verzerrte Weltsicht. Plötzlich werden Muslime nur noch als Terroristen im Fernsehen und den Zeitungen wahrgenommen. Im Umkehrschluss folgern viele Rezipienten daraus: alle Terroristen sind Muslime. "In den USA erwecken manche Zeitungsberichte den Anschein, dass knapp 80 Prozent der Attentäter Anhänger des Islams seien, FBI-Dokumenten jedoch kann man eine ganz andere Zahl entnehmen. Sie machen in nur sechs Prozent aller Fälle Muslime als Terroristen aus.“

 

Der Westen als Zielscheibe?

Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, dass die Angst der westlichen Bevölkerung bei Terroranschlägen ums Leben zu kommen, so hoch wie nie zuvor ist. „Statistisch gesehen wird man eher von einem Meteoriten erschlagen, als von einem Terroristen getötet“, stellt Professor Steven Youngblood fest. Im Übrigen seien die Opfer zumeist gar nicht westlicher Herkunft. „Auch wenn wir das Gefühl haben, wir wären die Zielscheibe, tatsächlich sterben hauptsächlich Muslime bei solchen Anschlägen.“

Auch hier haben die Medien ihren Beitrag dazu geleistet. Durch die ausführliche Darstellung vereinzelter Ereignisse - beispielsweise Charlie Hebdo in Frankreich oder 9/11 in den USA - und die Vernachlässigung von Terroranschlägen in muslimisch geprägten Ländern, wird eine verzerrte Darstellung plötzlich zur einzig „richtigen Wahrheit“ für die Menschen. Und das obwohl die wissenschaftliche Aufarbeitung uns eines Besseren lehren sollte.

 

Couragierte Gegenrede ist gefragt

„An dem Tag, an dem ich Präsident der ganzen Welt werde, würde ich Folgendes tun: Ich würde auf ein Blatt vier Regeln schreiben, die es zu beachten gilt, wenn man über Muslime, den Islam und Terrorismus berichtet“, sinniert Youngblood. Das wären:

  1. Vermeide die Begrifflichkeiten „islamistischer Terrorist“ und „muslimischer Terrorist“.
  2. Behandle alle Täter von terroristischen Anschlägen gleich.
  3. Berichte über die Schikanen, die Muslimen wegen des Terrorismus wiederfahren.
  4. Gib couragierter Gegenrede (Counter-Narratives) eine Chance und entlarve Mythen.

„Danach müssten sämtliche Redaktionen der Welt diese niedergeschriebenen Regeln in ihren Redaktionsräumen aufhängen und verinnerlichen. Nur so kann man der verzerrten Wahrnehmung der Rezipienten und dem Agenda-Setting sowie Framing der Medienbranche zumindest hinsichtlich des Themas „Terrorismus“ ein Ende setzen“, ist sich Youngblood sicher.

 

Steven Youngblood erklärt seine vier Regeln, die er aufstellen würde, wenn er Präsident der gesamten Welt wäre

Der Nährboden für Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass

Weil es soweit aber wohl nicht kommen wird, dürften sich auch weiterhin Mythen und fragliche Weltanschauungen in den Köpfen vieler Menschen halten. Wozu solche Vorverurteilungen führen können, zeigt ein anderes Beispiel von Youngblood. Eine seiner Fallstudien über die Berichterstattung in der Türkei hat ergeben, dass die Medien besonders feindlich gegenüber syrischen Flüchtlingen eingestellt sind. Sie müssen als Sündenböcke für Straftaten und illegale Aktionen im Land herhalten und werden zudem oft als Menschen zweiter Klasse angesehen. Zweidrittel der türkischen Nachrichten erwähnen regelmäßig den negativen Einfluss, den syrische Flüchtlinge auf die Türkei haben - Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass sind in Anatolien an der Tagesordnung.

 

Wie ein kleines Wort einen großen Unterschied machen kann  

Doch nicht nur die Türkei tut sich schwer, den Flüchtlingsströmen etwas Positives abzugewinnen. Auch in Europa kennt man die Diskussion, um den „guten" und den „schlechten" Flüchtling. Das beginnt schon mit der Bezeichnung. Eine Studie des UN Flüchtlingshilfswerks zur Berichterstattung über Flüchtlinge in europäischen Zeitungen zeigt: Während Italien und Großbritannien die ankommenden Menschen als „Migranten“ betitelt, schreiben die deutschen und schwedischen Medien überwiegend von „Flüchtlingen“ und „Asylsuchenden“. Der Unterschied dabei liegt für den US-Professor auf der Hand. „Ein Migrant hat sein Heimatland verlassen, weil er auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Lebensstandard ist. Ein Flüchtling flieht vor dem Tod. Er möchte sein Leben schützen, sei es wegen Krieg oder Verfolgung.“ Außen vorgelassen wird in der Studie allerdings, dass in Deutschland das Wort „Flüchtling" nur selten alleine steht. Oft schreiben die Medien hierzulande von der „Flüchtlingskrise". Eine „Migrantenkrise" sieht die deutsche Sprache laut Duden nämlich nicht vor. Aber immerhin lässt sich mit dieser Studie besser verstehen, warum die Briten eine höhere Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen haben, als die restlichen Europäer.

 

Friedensjournalismus beschäftigt sich mit Frieden, nicht mit Krieg

Was kann man als Journalist aber gegen solche medialen Verzerrungen tun? „Ganz einfach", sagt der amerikanische Forscher und Buchautor. „Indem man alle Konfliktseiten zu Wort kommen lässt, die Wahl seiner Worte beim Schreiben genau abwägt, ausgeglichen berichtet und niemals ans Gewinnen denkt." Beim Friedensjournalismus gehe es nicht darum, einen Krieg zu gewinnen. Der Fokus sei darauf zu richte, wie man Länder wiederaufbauen und sicher machen kann. Und natürlich sollte man bei all dem eines nicht vergessen: 

Peace journalism is about giv-  ing a voice to the voiceless.

 

 

 

 videorekord-0072.gif von 123gif.de  Grundsätze und Leitlinien des Friedensjournalismus – ein Auszug:

  • Friedensjournalismus verweigert sich Propaganda.
  • Friedensjournalismus ist ausgeglichen und lässt alle Seiten gleichermaßen zu Wort kommen.
  • Friedensjournalisten wählen ihre Worte mit Bedacht. Sie vermeiden eine Sprache, die die Gemüter erhitzt und nur für neuen Zündstoff sorgt.
  • Friedensjournalisten sind umsichtig bei der Verwendung von Bildmaterial.
  • Friedensjournalismus ist proaktiv, untersucht die Gründe eines Konfliktes und fordert zur Suche nach Lösungen auf.
 
Die Definition zum Begriff "Friedensjournalismus" (englisch)
Kurz-Interview mit Prof. Dr. Steven Youngblood
 
 

 
Redaktion

 

 
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