Oberst Adelmann mit der Jodel-App: Er selbst hat kein Jodel. (Foto: Till Hey)
 

 
„Disappointed but not surprised“

Mit diesem Betreff einer E-Mail an alle Soldaten wurde es erst publik gemacht. Oberst Adelmann, in der Jodelgemeinde als Detlev bekannt, hat mit einer E-Mail an alle Soldaten an die Möglichkeit des offenen Dialogs erinnert. Im Interview erklärt er Hintergründe und berichtet, was er von dieser App hält.

Jodel ist eine App, mit der man anonym Beiträge verfassen, Kritik und Lob üben oder einfach lustige Geschichten mit Menschen in seiner Nähe teilen kann. Die Entwickler von Jodel werben mit dem Slogan „Darüber sprechen Studenten aus deiner Uni.“ Mit der Handyanwendung können Jodler anderen Jodlern, die sich im Umkreis von zehn Kilometern aufhalten, Mitteilungen schicken – ohne auf Jodel mit Namen angemeldet zu sein. Um sich zu spezifischen Themen auszutauschen, können Interessensgruppen, sogenannte Channels, gegründet werden. Auch an der Universität der Bundeswehr in München wird diese Möglichkeit rege genutzt: Der „UniBw-Channel“ hat mittlerweile 1.200 Anhänger, die sich über Probleme an der Universität aufregen oder Vorgesetzte aufs Korn nehmen. Auch Oberst Adelmann stand schon im Fokus der anonymen Kritik auf Jodel.

Schon vorab: Vielen Dank, dass sie sich Zeit für das Interview genommen haben. Herr Oberst, Sie haben am 15. Dezember vergangenen Jahres eine E-Mail an alle Soldaten des Standorts verfasst, in der Sie das anonyme Beschwerdeverhalten Ihnen gegenüber auf Jodel kritisiert und für einen offenen Dialog geworben haben. Welche Reaktionen haben Sie bekommen?

Ich habe ausschließlich Reaktionen von hiesigen Studenten bekommen. Diese waren in dem Umfang gut, dass der offene Umgang mit dem Thema geschätzt wurde. In einer offenen Gesprächsrunde mit diesen Kameraden kam heraus, dass diese Kameraden überrascht waren und diese E-Mail als Anlass nutzten, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Des Weiteren wollten sie betonen, dass diese Äußerungen das notwendige Niveau vermissen lassen.

Jodel wird hauptsächlich von Studenten in ganz Deutschland genutzt, wie sind Sie als Stabsoffizier, dessen Studium schon lange zurückliegt, auf die App aufmerksam geworden?

Darauf hingewiesen wurde ich aus meinem Mitarbeiterkreis, gerade weil ich auf Jodel auch aufs Korn genommen wurde. Ich werde mir die App aber nicht herunterladen, ich bediene mich lieber aus den Tipps meiner Mitarbeiter.

Die Kritik haut mich nicht um, sie bringt Themen an den Tag.

In der App werden Sie meistens kritisiert. Egal, ob bei -10 Grad Celsius die Heizung ausfällt, die Effizienz der Reinigungskräfte in Frage gestellt wird oder Gehwege nicht geräumt sind, für alles werden Sie verantwortlich gemacht. Inwieweit beeinflusst diese Kritik Ihre Führung als Leiter Studierendenbereich?

Das ist eine gute Frage, aber kurz beantwortet: Sie beeinflusst mich im Guten. Ich nehme es zum Anlass um nachzudenken. Sollte jemand jetzt schreiben, dass die Kommunikation in der Dienststelle sehr schlecht sei, bringt mich das natürlich ins Grübeln, ob die Kritik berechtigt ist, und ich dort an Hebeln zur Beseitigung des Problems ziehen muss. Dann muss ich mir Leute einladen und mit denen reden. Im Allgemeinen haut mich die Kritik aber nicht um, sie bringt Themen an den Tag. Doch trotzdem gefällt mir die Anonymität nicht. Meine Frau hat sich die App heruntergeladen und meinte, ob es nichts Wichtigeres gäbe als sich über kleine Dinge, wie die Bartrasur, aufzuregen. Sie fand es unterhaltsam. Jodel bietet eine gute Plattform um Probleme an den Tag zu bringen, jedoch fehlt mir hierbei die menschliche Perspektive. Ein aufrichtiger Mensch würde mich direkt ansprechen und sich mit Namen melden.

Jodel ist ehrlich, aber nicht aufrichtig.

Die App ist vollkommen anonym und regt zum Veröffentlichen der ungefilterten, eigenen Meinung an. Man braucht sich weder Gedanken um Ihren Dienstgrad zu machen, noch um disziplinare Maßnahmen. Denken Sie, dass Jodel eine gute Plattform ist, um zu erfahren was die Soldaten an Ihrem Standort wirklich belastet?

Nein. Wer wirklich begründete Sorgen hat und wer sicherstellen will, dass er was bewegt, der ist aufrichtig und outet sich. Jodel würde ich eher als Emotion bezeichnen. Man regt sich kurzfristig über eine Sache auf, die einem auf dem Herzen liegt und jodelt es schnell mal. Jodel ist ehrlich, aber nicht aufrichtig. Der erwachsene Mensch bekennt sich zu seiner Meinung. In Hinblick auf Offizieranwärter und Offiziere wäre es schon sehr traurig, wenn man nicht in der Lage sein sollte, seine eigene Meinung zu äußern, oder?

Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Sie als ranghöchster Soldat hätten genauso ein Antreten anordnen können, wieso haben Sie sich gegen diese Maßnahme entschieden?

Das ist schlichtweg nicht Uni-Style. Wir sind eine zivile Dienststelle im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung. Außerdem sind wir knapp 2.800 Soldaten am Standort, der logistische Aufwand wäre viel größer als der Erfolg. Ich denke, ich erreiche die Menschen viel besser auf die genutzte Weise. Meiner Meinung nach habe ich mit meiner E-Mail vermutlich mehr Leute erreicht, als es ein Antreten gemacht hätte – demnach eine nachvollziehbare Entscheidung.

Seit Ihrer E-Mail hat sich die Anzahl der Leser auf dem UniBw-Channel von Jodel auf 1200 vervierfacht. Freut Sie diese Entwicklung?

Ja, das freut mich. Öffentlichkeit ist immer gut. Ein öffentliches Problem ist immer besser als ein geheimes. Desto mehr Jodler wir haben, umso mehr ernst zu nehmende Kommentare befinden sich auf dem besagten Channel. Auch die Zahl der kritikfähigen Beiträge hat zugenommen. Ich denke, der Entwickler der App sollte mir dankbar sein.

Ich habe eine Rederunde mit Fahnenjunkern etabliert, um die Kommunikation zu fördern.

Jodel: Chance oder Gefahr?

Gefahr? Absolut nicht. Chance? Ja, ich denke schon. Die Anzahl der Leute, die sich was trauen zu sagen, mit der Angabe der Quelle, wird steigen. Ich habe jetzt schon eine Rederunde mit Fahnenjunkern etabliert, um die Kommunikation mit meinen Soldaten zu fördern. Ein Satz, der mich jetzt in meinem Alter immer wieder prägt und mich an die Frage erinnert, ist: ‚Jeder hat das Recht sich selbst zu blamieren.‘ Das trifft auf Jodel genau zu.

 
 

 
Redaktion

 

 
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