Graphic-Novel-Stil
Die Schlüsselszenen der Geschichte wurden im Graphic-Novel-Stil illustriert.
 
Rezension einer Multimedia-Reportage

 
„Mein Vater, ein Werwolf"

Eine persönliche Geschichte über einen von Hitlers letzten fanatischen Kämpfern
Wer bei „Mein Vater, ein Werwolf" an einen neuen Fantasy-Roman à la Twilight denkt, liegt vollkommen falsch. Vielmehr handelt es sich um die geschichtliche Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der deutschen Geschichte. In Form einer Multimedia-Story erzählt Cordt Schnibben eine bedrückende Geschichte, die 2015 für den Grimme Online Award nominiert wurde.

Als Werwölfe wurden Angehörige der Organisation Werwolf bezeichnet, einer nationalsozialistischen Freischärler- bzw. Untergrundbewegung, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges durch Heinrich Himmler ins Leben gerufen wurde. Nach Himmlers Vorstellung sollten die „Werwölfe“ durch Attentate und Sabotageakte die Angst vor Partisanenkämpfen bei den vorrückenden Alliierten schüren. Die „Welle des Verrats“ in der eigenen Bevölkerung sollte durch Terror gegen die Kollaborateure gestoppt werden – wie im Falle des Bauers Willi Rogge. Für diese Spezialkommandos wurden nur besonders bewährte und treue Anhänger des Nationalsozialismus ausgewählt, so auch der Vater des Journalisten Cordt Schnibben.

Der Grimme Online Award wird seit 2001 vom Grimme-Institut, das auch den renommierten Grimme-Fernsehpreis verleiht, vergeben. In mehreren Kategorien werden herausragende deutschsprachige Online-Angebote ausgezeichnet. Die Kategorien lauten:

  • Grimme Online Award Information
  • Grimme Online Award Wissen und Bildung
  • Grimme Online Award Kultur und Unterhaltung
  • Grimme Online Award Spezial

Vorschläge können während einer Nominierungsphase durch die Ersteller selbst oder durch jeden anderen Internetnutzer eingereicht werden. Anschließend werden die Vorschläge von einer Nominierungskommission vorausgewählt. Diese setzt sich aus Fachleuten aus den Bereichen Journalismus, Wissenschaft sowie neue Medien zusammen. Die Auswahl der Preisträger erfolgt über die Jury. Diese setzt sich ebenfalls interdisziplinär aus Fachleuten zusammen. Wichtige Beurteilungskriterien sind neben Inhalt, Gestaltung, Nutzerfreundlichkeit und Kreativität auch die Einhaltung journalistischer Qualitätsmaßstäbe.

Die 2015 in der Kategorie Wissen und Bildung für den Grimme Online Award nominierte Multimedia-Reportage zeichnet sich durch eine einzigartige visuelle Gestaltung und eine außergewöhnliche Erzähl-Perspektive aus. Der Nutzer taucht in die persönliche Perspektive des Autors Cordt Schnibben ein, der lange Zeit als Redakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel arbeitete. Schnibben erzählt die Geschichte von einem Menschen, der so fremd ist, wie ein Vater nie sein kann – oder nie sein sollte.

Der Nutzer begleitet Schnibben in der Multimedia-Reportage dabei, wie er nach dem Tod seines Vaters entdeckt, dass dieser ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus und ein Kriegsverbrecher war. „Seit ich Zeitungsausschnitte über einen Nachkriegsprozess gegen meinen Vater gefunden hatte, beschäftigte mich die Frage, ob ich diesen Teil meiner Familiengeschichte aufschreiben sollte."

Georg Schnibben, Vater von Cordt Schnibben, war ein „Werwolf“, einer der freiwilligen fanatischen Endkämpfer. Schnibben bekommt in den letzten Wochen vor Kriegsende den Auftrag, den sogenannten „Volksverräter“ Willi Rogge zu erschießen.  

Die Geschichte ist multimedial angelegt und bedient sich des Scrollytelling. Die Reportage führt mit Zeichnungen im Graphic-Novel-Stil durch die Schlüsselszenen der Ereignisse am Tag der Erschießung Rogges. Die Erzählung wird um Fotos der Original-Akten und Videos ergänzt, die Schnibben immer wieder bei wesentlichen Schritten seiner Recherche zeigen. Der Nutzer kann so in die Recherche „eintauchen“ und hautnah miterleben, wie Schnibben während seiner Recherche fühlte und mit dem gewonnen Wissen umging. Der Verdacht gegenüber seinem Vater bestätigte sich. Doch bei der Studie der Akten tauchten auch ganz neue, unerwartete Anschuldigungen gegen seine Mutter auf. „Die intensive Beschäftigung mit dem, was meine Eltern getan und möglicherweise in mich gepflanzt haben, brauchte die Begleitung durch einen Therapeuten. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, ich habe mich befreit von vielem Unausgesprochenem – ich werde nicht mehr in den frühen Morgenstunden von Angstzuständen geweckt."

Durch die Interaktivität wird der Nutzer förmlich in die Geschichte gezogen, und kann dabei bestimmen, ob er nur dem Hauptstrang der Geschichte folgt, weiter in den digitalisierten Akten verweilt oder gar selbst anfängt zu recherchieren.

Cordt Schnibbens Motivation und Umsetzung der Reportage überzeugte auch die Grimme-Jury. Diese feierte Mein Vater, ein Werwolf in ihrer Presse-Mitteilung als "Meisterstück des digitalen Storytelling" und ergänzte “die Verlagshäuser scheinen jetzt das Internet (wieder) zu entdecken, insbesondere für die große Erzählung“.

 

 
 

 
Redaktion

 

 
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