8 Tipps für investigativen Lokaljournalismus

"Manchmal braucht man einen langen Atem"

Am 8. Dezember 2016 war der Journalist Marc Rath erneut zu Gast im Journalistischen Kolloquium des Masterkurses Management und Medien.

Nach seinem Abschluss als „Jungredakteur Lokales“ an der Kölner Journalistenschule arbeitete Rath zunächst bei diversen Zeitungen, bevor er einige Jahre als Pressesprecher, unter anderem für den VFA (Verband Forschender Arzneimittelhersteller), in Berlin tätig war. Sein Weg führte ihn dann wieder zurück zur Magdeburger Volksstimme, bei der er seit 2013 Koordinator der Lokalredaktion und Mitglied der Chefredaktion ist. Für seine journalistischen Publikationen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt für seine Enthüllungen um den Stendaler Wahlbetrug im Mai 2014.

 

Der Wahlbetrug in Stendal

In der ca. 40.000 Einwohner zählenden Hansestadt Stendal fanden am 25. Mai 2014 die Kommunalwahlen statt. Bereits am selben Abend wurde deutlich: Die CDU wird gut abschneiden. Als das amtliche Wahlergebnis feststand, bestätigte sich die Prognose. Und es zeigte sich auch: Der CDU-Mann Holger Gebhardt hatte ungewöhnlich viele Stimmen (genauer gesagt 837) erhalten. Er erreichte damit das viertbeste Wahlergebnis seiner Partei. Besonders auffällig hierbei war, dass Gebhardt 82% dieser Stimmen durch Briefwahl erhalte hatte. Das entsprach einem Anteil von unglaublichen 11% der gesamten Briefwahlstimmen. Das machte Rath stutzig. Woher kam die hohe Zahl an Briefwahlstimmen? Er recherchierte und bekam von der Stadtverwaltung zuerst nur die Antwort, alles sei ordnungsgemäß abgelaufen. Doch bereits Ende Juni 2014 musste der Stadtwahlleiter Axel Kleefeldt einräumen, dass gegen die sogenannte „4er-Regelung“ verstoßen wurde. Diese Regelung besagt, dass eine Person höchstens viermal dazu bevollmächtigt werden darf, für eine andere Person Wahlunterlagen abzuholen. In Stendal hatten zwölf Bevollmächtigte insgesamt 189 Briefwahlunterlagen abgeholt. Mittlerweile musste Kleefeld seinen Posten als Wahlleiter räumen.

Im November 2014 durchsuchte die Polizei das CDU-Kreisbüro in Stendal, und von da an nahmen die Dinge ihren Lauf. Immer wieder berichtete Marc Rath über die Ereignisse. Auf die in der Volksstimme erscheinenden Artikel meldeten sich schließlich auch Zeugen, die Kriminalpolizei ermittelte, Informanten spielten Rath wichtige Informationen zu. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen insgesamt 15 Personen, die mit dem Wahlbetrug in Stendal zu tun haben sollen, es wurden 220 Zeugen benannt.

Im Kolloquium kam die Frage auf, weshalb er glaube, dass gerade ihm brisante Informationen zugespielt worden seien. Marc Rath nutzte diese Frage, um einen wichtigen Aspekt seiner Arbeit zu erwähnen: Man müsse mit diesen Informationen sehr vorsichtig umgehen, weil man nicht immer gleich einschätzen könne, weshalb man diese Informationen bekomme. „Manchmal hat die gegnerische Partei ein Interesse, manchmal geht es um das Image. Und ab und zu geht es einfach nur um Klatsch.“ Dies sei im Lokaljournalismus keine Seltenheit. Er berichtete auch, dass man von bestimmten Kreisen der Gesellschaft oder auch wichtigen Persönlichkeiten oft hofiert werde, weil man ja „Nachrichten bringt“. Heikel werde es immer dann, wenn man sich mit Personen gut verstünde und regelmäßig austausche, diese aber plötzlich Teil des Problems würden, sagte Rath.

 

Für die angehenden Journalisten im Kolloquium hatte Marc Rath einige Tipps auf Lager, wenn es um knifflige und investigative Recherche geht:

 

1. Gehen Sie ungewöhnlichen Phänomenen auf den Grund

Wäre Rath das ungewöhnliche Kommunalwahlergebnis nicht aufgefallen, dann hätte sich vermutlich keiner daran gestört. Erst durch seine Nachforschungen kam ans Licht, dass das Verhältnis zwischen Briefwahl- und Wahllokal-Ergebnissen nicht recht stimmen konnte, und er forschte nach. Aufgrund seiner Publikationen in der Volksstimme meldete sich sogar ein Zeuge bei ihm.

 

2. Nutzen Sie alle Kanäle

Auch die Veröffentlichung in der Printausgabe die größte Wirkung habe, so Rath, sei es wichtig, multi-, im besten Falle crossmedial unterwegs zu sein. Einige Informationen bekam er elektronisch, andere durch einen Telefonanruf. Je mehr Kanäle man nutze, desto größer sei auch die Chance, von Zeugen oder Informanten gefunden und kontaktiert zu werden.

 

3. Haben Sie einen langen Atem

Auch nachdem sich das Ausmaß des Wahlbetrugs abzeichnete, dauerte es, bis die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnahmen. Und es dauerte noch länger, bis diese abgeschlossen waren. Rath ließ nicht locker, blieb immer wieder an dem Fall dran und veröffentlichte neue Entwicklungen. Einige Verfahren wurden mittlerweile eingestellt, aber eben noch nicht alle.

 

4. Je kleiner die Einheit, desto größer die Beißhemmung.

Dies gilt nicht nur für Redaktionen, Redaktionskollegen und Journalisten untereinander. Dieses Phänomen gibt es zum Beispiel auch bei Gerichten, meinte Rath. Ihm schien es, als wolle das Gericht die „politische Flanke“ des Falls nicht ausweiten. Rath jedoch sieht sich einer investigativen Berichterstattung verpflichtet. Er blieb dran, auch wenn er sich dadurch Feinde machte.

 

5. Finden Sie das richtige Maß zwischen Distanz und Nähe

Seit die Volksstimme über den Wahlbetrug und dessen Folgen berichtet, wie beispielsweise über den Rücktritt des Landtagspräsidenten Hardy-Peter Güssau („Güssau wird sein Amt verlieren", „Güssau tritt zurück") und die Reaktionen der politischen Parteien darauf („SPD droht mit Bruch der Koalition"), reden einige Beteiligte nicht mehr mit ihm persönlich. Fragen müssen über den Anwalt eingereicht werden. Ist man in der Region aufgewachsen, über die man (kritisch) berichtet, kann es manchmal schwierig sein, genügend Distanz zu wahren, weil man die Beteiligten möglicherweise kennt. Rath ist nicht in Stendal groß geworden. „Das hilft“, sagte er.

 

6. Kennen Sie sich mit den relevanten (gerichtlichen) Verfahren aus

Wenn man Kenntnis von den Verfahrensabläufen hat, weiß man, was als nächstes passiert, so Rath. Auch im Fall des Wahlbetrugs gab es eine Anhörung durch den Innenausschuss des Landtags, um offene Fragen in der Stendaler Wahlaffäre zu klären. Dieser Anhörung ist Landtagspräsident Güssau ferngeblieben. Rath konnte das für seine Leser einordnen und stets über die nächsten Schritte informieren.

 

7. Bewahren Sie einen klaren Kopf

In einer kleinen Stadt wie Stendal, wo sich jeder kennt, ist es manchmal schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber man darf sich von persönlichen Beziehungen nicht beeinflussen oder emotionalisieren lassen, wenn man objektiv berichten will.

 

8. Schaffen Sie einen (moralischen) Kompass für sich selbst

In der Zeit, wo sich alles um den Stendaler Wahlbetrug drehte und sich täglich neue Entwicklungen auftaten, habe sich Rath auch immer wieder mit anderen Themen beschäftigt. So besuchte er Veranstaltungen und Empfänge in und um Magdeburg und schrieb auch über eher bunte Themen. Man müsse sich selbst ab und zu erden, so Rath.

 

Im Fall des Stendaler Wahlbetrugs ist die Marschrichtung erst einmal klar: Im Frühjahr 2017 finden die Gerichtsverhandlungen statt. 15 Angeklagte, 220 Zeugen. Im Mittelpunkt des Prozesses steht Holger Gebhardt, der der Urkundenfälschung und des Wahlbetrugs beschuldigt wird. Und vielleicht auch ein bisschen der Lokaljournalist Marc Rath, der weiterhin unermüdlich darüber berichten wird.

 

Marc Rath erhielt für seine Berichterstattung über den Stendaler Wahlbetrug 2014 den 3. Platz des Wächterpreises der deutschen Tagespresse 2015. Der Preis wird für kritische und investigative Berichterstattung verliehen. Ausgezeichnet werden Berichte, die Missstände schonungslos aufdecken, wie zum Beispiel Korruption und Vetternwirtschaft.

 
Marc Rath zu Gast im Journalistischen Master-Kolloquium / Foto: Nils WernerMarc Rath zu Gast im Journalistischen Master-Kolloquium / Foto: Nils Werner
 

 
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