Demonstrieren um jeden Preis

Corona hält sie nicht auf: In vielen Großstädten gehen Menschen nicht nur trotz, sondern wegen der Pandemie auf die Straße. Eine Reportage.

Im Juni dieses Jahres schreien über 25.000 Menschen auf einer Kundgebung in München „Black Lives Matter“ – nur einen Monat später wird in Berlin von 40.000 Demonstrierenden „Merkel muss weg“ skandiert. Obwohl sich beide Proteste mit Blick auf die Hygiene-Auflagen nicht unterschieden, werden sie von den Medien und der Polizei unterschiedlich behandelt. X-media Campus war bei beiden Demonstrationen vor Ort.

Es sind surreale Szenen: Flaschen fliegen auf Polizeihelme, Reichsbürger stürmen die Freitreppe des Reichstags, drei Polizisten versuchen, mehreren hundert Demonstranten standzuhalten. Und das alles mitten in der Corona-Krise. Was im Zuge der „Querdenken-711“-Demonstration jüngst in Berlin geschah, schockierte das ganze Land. Doch auf der Hauptkundgebung in Berlin hat man es nicht nur mit Extremisten zu tun. Auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, wie Familien mitsamt ihren Kindern, finden sich auf der Kundgebung ein.   

Von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor versammeln sich Zehntausende Corona-Demonstranten.

Friedlich verläuft hingegen am 6. Juni die Demonstration am Königsplatz in München zu „Black Lives Matter“. An jenem Ort, an dem vor über 75 Jahren Bücher verbrannt wurden, und die Nationalsozialisten die SA aufmarschieren ließen, wird hier nun für Gerechtigkeit, Solidarität und gegen Gewalt demonstriert. Die Demonstrierenden finden sich auf dem gesamten Platz ein; bis hin zum Karolinenplatz drängen sich die Menschen. Marcus da Gloria Martins, zu diesem Zeitpunkt Pressesprecher der Polizei München, wird im Nachgang einräumen, dass die Überlegungen, die Demo aufzulösen, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr gegeben waren. Der Grund: zu viele Menschen. Und bei der Sache, um die es ging – Polizeigewalt –, hätte ein Einschreiten der Polizei die Situation auch nicht entspannt. Ebenso hätte man nicht genügend polizeiliches Personal zur Verfügung gehabt, um „das Ganze irgendwie in den Griff zu kriegen“, so Martins. Auch die Gitter, die zur Absperrung des Platzes dienen sollten, hätten Krawallen oder einer Massenpanik nicht standgehalten. „Es handelt sich hierbei um ein Vermassungsproblem – Duisburg lässt grüßen“. Um eine Katastrophe, wie sie bei der Loveparade 2010 stattgefunden hat, zu verhindern, und um einen neuen Infektionsherd zu vermeiden, schuf die Polizei in München spontan eine weitere Versammlungsfläche. Die Einhaltung des Mindestabstands schien allerdings vergeblich.

"Black Lives Matter"-Demonstranten in München.

Aus der Sicht Jiréh Emanuels, des Veranstalters der „Black Lives Matter“-Demo in München, gab es keine andere Möglichkeit, als „die Menschen rein zu lassen“. Bei einer Eskalation hätten die Maßnahmen der Polizei ohnehin nichts gebracht, glaubt er. Emanuels zufolge lauteten die Auflagen lediglich, dass die Veranstalter regelmäßig auf Abstands- und Hygieneregeln hinweisen sollten. Robin, eine der Organisatorinnen der Demo, beschreibt das Verhalten der Polizei als „kooperativ“. Dennoch habe auch sie Befürchtungen einer Eskalation gehabt.

Pressesprecher der Berliner Polizei Thilo Cablitz im Interview mit Management & Medien Student Andre Spannl.

Während es in München vergleichsweise locker zugeht, wird in Berlin penibel auf Abstand und Masken geachtet. Dementsprechend wird die Option, die Demonstration aufzulösen, in der Hauptstadt viel schneller in Erwägung gezogen. Und so kommt es dann auch: Gegen 11.30 Uhr löst die Polizei den Zug der Demonstrierenden in Richtung Drei Linden und Friedrichstraße nach mehrmaliger Lautsprecher-Aufforderung auf. Der Vorwurf: Verstoß gegen die Masken- und Abstandspflicht. Nur kurze Zeit später fliegen die ersten Flaschen in Richtung der Ordnungshüter. Diese erwidern die Angriffe mit Schlagstöcken und Pfefferspray. Es kommt zu zahlreichen Verhaftungen. Einer der Veranstalter, der Duisburger Stefan Brackmann, sagt, es sei schwierig, eine Demonstration unter den Corona-Auflagen zu organisieren. „Wenn die Maßnahmen sinnlos sind, wie eine Maske im Freien zu tragen, dann geht das gar nicht“, so der 59-Jährige. Sollte die Versammlung aufgelöst werden, „dann setzen wir uns hin“. Genau dies geschieht wenig später. Angst vor Corona hat der Asthmatiker nach eigenen Worten nicht – er verlasse sich auf sein Immunsystem.

r Stefan Brackmann: "Ich habe ein gesundes Immunsystem."

Auch wenn sich unter die „Querdenken-Demo“ in Berlin augenscheinlich einige rechte Gruppierungen mischen, bleibt es weitgehend friedlich. Neben einigen Reichskriegsflaggen sieht man auch einen Demonstranten, der eine große Israel-Flagge schwenkt. Ein skurriles Bild. „Rechtsradikales Gedankengut hat hier keinen Platz“, so Michael Ballweg, Initiator der „Querdenken-711“-Demonstration. Um dies sicherzustellen, drehen eigens vom Veranstalter bestimmte Ordner mehrmals Kontrollrunden durch die Mengen; mit lauten „Macht Platz“-Rufen bahnen sie sich ihren Weg.

Gegen 16 Uhr sitzen die meisten Menschen mit einem Abstand von anderthalb Metern um die Siegessäule. Zwischen musikalischen Einlagen wechseln sich verschiedene Redner auf der Bühne ab, unter anderem der Gründer der Initiative, Michael Ballweg, und Robert Francis Kennedy Junior, der Neffe des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy. Inhaltlich geht es um Kritik an den Corona-Maßnahmen, bis hin zu Rücktrittsforderungen an die Bundesregierung. Doch auch Verschwörungstheorien um Bill Gates, das neue 5G-Netz und die Neugestaltung des Grundgesetzes werden den Zuhörern vorgetragen. Kritik gibt es viel, Lösungsansätze hingegen kaum. Für Veranstalter Brackmann und Mitstreiter Ballmann ist es mit der Demonstration in Berlin noch nicht getan. Sie wollen vorerst an der Straße des 17. Juni bleiben. „Für mehrere Tage auf jeden Fall“, so Brackmann. „Wir bleiben hier!“

Demonstranten protestieren vor dem Brandenburger Tor.

Den 38.000 Demonstranten vor Reichstag, Brandenburger Tor und Siegessäule stehen an diesem Tag insgesamt 3.000 Polizisten gegenüber. Unterstützt wird die Berliner Polizei von der Bundespolizei und Einsatzkräften aus Bayern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Die Polizei war sehr kooperativ“, so Brackmann. Die Probleme entstünden seiner Meinung nach eher an der Schnittstelle zwischen Polizei und Politik. Thilo Cablitz, Pressesprecher der Polizei Berlin, lobte im Nachgang ebenfalls die Kooperation zwischen Veranstaltern, Demonstrierenden und der Polizei. „Wir versuchen, Infektionsschutz in Einklang mit dem Versammlungsrecht zu bringen“, so Cablitz. Auch wenn dies nicht immer der Fall gewesen sei, habe der Veranstalter seine Verantwortung wahrgenommen und die Menschen zu mehr Abstand aufgefordert. Dies geht sogar so weit, dass die Veranstalter die eigenen Anhänger vor der Bühne wortstark angehen und sie zum Verlassen der Demonstration auffordern, sollten sie sich nicht an die Regeln halten. „Ihr seid die Helden, wenn ihr geht, und die Demo dadurch am Leben bleibt“, brüllen sie ins Mikrofon. Die Aktion zeigt Erfolg, und die Teilnehmer verteilen sich, um die Abstandsregelungen einzuhalten. Anders als bei den „Black Lives Matter“-Demonstrationen, wo die Abstandsregelungen kaum eingehalten werden konnten. Den Verdacht, dass die Polizei „Querdenken-711“ anders behandle als eine „Black Lives Matter“-Demonstration, die im Juni in Berlin stattfand, weist Cablitz zurück. Die Polizei habe dort unterschiedlich gehandelt, „aber, wenn man ins Detail geht, dann ist das Vorgehen identisch“, so der Polizeisprecher.

Die mediale Berichterstattung

Professor Olaf Hoffjann, Kommunikationswissenschaftler der Uni Bamberg, sieht Unterschiede in der medialen Berichterstattung über die Demonstrationen. „Die Nicht-Einhaltung der Corona-Regeln bei 'Black Lives Matter' hat bei der Berichterstattung nach meiner Beobachtung eine kleinere Rolle gespielt als bei den Anti-Corona Demos“, sagt er. Das sei aber seine eigene Wahrnehmung und keine statistische Auswertung. Zudem könne es sein, dass das Nicht-Einhalten der Hygienemaßnahmen bei den Anti-Corona-Demos stärker thematisiert wurde. Die Demonstranten hätten hier bewusst gegen die Regeln verstoßen, so der Professor.

"Black Lives Matter"-Demonstrant in München. Fotos: Andre Spannl

In München löst sich gegen 17.00 Uhr die „Black Lives Matter“-Demo langsam auf. Zwei Polizisten in voller Einsatzmontur kommen hinter die Bühne. Sie verabschieden sich mit einem Ellenbogen- statt einem Handschlag von den Veranstaltern. Ein Zeichen der Solidarität. Jiréh Emanuel bedankt sich bei ihnen – sie lachen.

 

 
Video-Reportage: X-Media Campus auf den Demonstrationen
 
 

 
Redaktion

 

 
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