Den spannenden Dreh finden

Gastvortrag von Daniel Lutz, HitRadio RT1

Was macht spannende Berichterstattung im Radio aus? Ist das Radio im Zeitalter von Fernsehen und Internet überhaupt noch relevant? Die Antwort ist ganz eindeutig: Ja! Daniel Lutz, seit mehr als 20 Jahren im Radiogeschäft aktiv, berichtete im Rahmen des diesjährigen Journalistischen Kolloquiums unter Leitung von Prof. Dr. Sonja Kretzschmar von seinen Erfahrungen als Moderator und Programmchef von HitRadio RT1 (Region Augsburg).

Der Blockbuster

Das Ereignis stellte das Team um Daniel Lutz vor eine Mammut-Aufgabe: Am 21. Dezember 2016 wurde bekannt, dass am ersten Weihnachtsfeiertag die Augsburger Innenstadt für eine Bombenentschärfung evakuiert werden muss. „Normalerweise laufen wir über die Feiertage auf personeller Sparflamme“, erklärt Lutz. „Stattdessen holten wir für die Berichterstattung unsere besten Moderatoren und Reporter zusammen und haben mit 15 Leuten die Augsburger informiert.“ Man stelle sich die Größenordnung so vor,  als müsse der Marienplatz in München im Umkreis von 1,5 km evakuiert werden. Mit 54.000 Evakuierten war das die größte Räumung in der Nachkriegszeit. Lutz ergänzt: „Es war das Top-Thema, also mussten wir alle Register ziehen.

Es handelte sich bei der britischen Fliegerbombe um einen sogenannten „Wohnblockknacker“ – auf Englisch „Blockbuster“. 1,8 Tonnen Sprengstoff, die schlimmstenfalls im Umkreis von 1000 Metern alle Türen und Fenster raussprengen könnten und somit eine akute Gefahr für Augsburg waren. Zusammen mit dem hauseigenen TV-Sender atv waren Lutz und sein Team eine enorme Stütze für die Bewohner, aber auch für Polizei und Feuerwehr. „Gute Kommunikation ist in einer solchen Situation unabdingbar“, führt Lutz aus, „da sind wir nicht nur einfach ein Radiosender sondern auch Distributor.“ Als am 25. Dezember um 18:48 Uhr die Nachricht der erfolgreichen Bombenentschärfung durch das Radio schallte, stellte das auch für Lutz eine Erleichterung dar. Zwölf Stunden lang berichtete HitRadio RT1 mit einer Sondersendung über das Geschehen. Belohnt wurde die Arbeit mit dem BLM-Hörfunkpreis 2017 der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien.

Daniel Lutz hat klare Vorstellungen davon, was man braucht, um als lokale Hörfunkanstalt erfolgreich zu sein. Trotz Lob und Anerkennung der eigenen Leistung müsse man kritisch bleiben. Muss die Entschärfung unbedingt am 1. Weihnachtsfeiertag stattfinden, genau zu dieser Uhrzeit? „Jeder Radiosender ist regional, spricht einen gewissen Umkreis an“, sagt Lutz. „Als Sprachrohr für diese Region ist es eine Pflicht, kritisch zu bleiben und auch mal unbequem zu sein, wenn es nötig ist.“ Nur so könne man erfolgreich sein.

Mit Tortenstücken zum Erfolg

Wenn Daniel Lutz über Kriterien von erfolgreichem Hörfunk redet, dann spricht er gerne von seiner eigenen Tortentheorie. Es sei irrelevant herauszufinden, wieso der Hörer genau diesen Radiosender hört, sondern wichtiger, wer sich nicht für das jeweilige Radioprogramm interessiert. Anschaulich wird das an einem simplen Beispiel: Heuschnupfen. 15% der Deutschen leiden unter Heuschnupfen und 85% nicht. Also würden bei einem Beitrag über Heuschnupfen nur 15% der Hörer angesprochen und 85% nicht. Statt Tipps von einem Arzt wählte RT1 einen Beitrag mit verschiedenen Niesarten. 15% finden sich in diesem selbst wieder und 85% fühlen sich unterhalten – „so wird Mehrwert erzeugt, und darum geht es.“ Denn wenn ein Hörer einmal umgeschaltet hat, dann kommt er vermutlich nicht wieder. Es gilt also, die gesamte Torte zu betrachten und nicht nur ein Stück.

Lutz‘ Tipp für diejenigen, die im Hörfunk erfolgreich sein wollen: „Der Dreh ist es, alle anzusprechen und auch mit weiterführenden Informationen im Internet und sozialen Netzwerken zu arbeiten.“ Außerdem sei es wichtig, seinen Hörbereich und die jeweilige Zielgruppe zu kennen. Ein Beitrag mit Niestypen würde bei Deutschlandfunk Kultur wahrscheinlich nicht zur Zielgruppe passen. Daniel Lutz würde seinen Job jedenfalls auch nach zwei Jahrzehnten im Radiogeschäft nicht missen wollen: „Eines Tages in ein Büro zu gehen und nichts mehr nach außen tragen zu können, könnte ich einfach nicht. Ich brauche diesen Draht nach draußen.“

 

 
Daniel Lutz, HitRadio RT1
 

 
Redaktion

 

 
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