Die dunkle Seite der Pandemie

Wie Lockdown & Co. die Psyche und die häusliche Gewalt beeinflussen
Das Homeoffice ersetzte die Realität der sonst so hektischen Arbeitswelt und Kinder saßen vor dem Monitor, anstatt vor einer Tafel. Aber wie beeinflusste der Lockdown die Psyche? X-Media Campus recherchierte, welche Folgen Lockdown & Co. mit sich bringen.
Laut Polizei München: 80 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen. Foto: Andre Spannl

 

Brandbeschleuniger Corona

Zu Beginn der Pandemie habe das Coronavirus Menschen nicht in psychische Krisen geführt, sagt Heidi Graf, Geschäftsführerin der Arche München. Das änderte sich ab 2021. Corona werde gerne als Brandbeschleuniger bezeichnet. „Das trifft es sehr“, sagt Graf.

"Die Unsicherheiten werden immer größer"
Heidi Graf, Geschäftsführerin Arche München


Dinge die Menschen sonst schon sehr belasten, wie eine Trennung oder die finanzielle Situation, rücken jetzt mehr in den Fokus. Noch im Sommer sei die Situation normal gewesen und das Thema Corona habe zu diesem Zeitpunkt eine untergeordnete Rolle gespielt. Zu Beginn des Frühlings im März und bis Anfang des Sommers wurden bis zu 25 % weniger neue Fälle durch die Arche München registriert. Ab Oktober aber „haben die Themen die Schärfe Corona dazubekommen“, sagt Graf. Dies ging so weit, dass die Menschen seit dem neuen Jahr Corona sogar als primären Auslöser für eine Lebenskrise angaben. „Die Unsicherheiten werden immer größer und die Perspektiven immer kleiner“, sagt Graf. Das betreffe Menschen in allen Altersklassen, Menschen die die Gesamtlage in der Gesellschaft nicht mehr ertragen. Darunter seien sehr viele junge Menschen, vor allem Schülerinnen und Schüler, die die Pandemie als psychisch belastend empfinden. Insgesamt verzeichnete die Arche München im Jahr 2020 1.159 Fälle von Hilfesuchenden in Lebenskrisen. Noch im Jahr 2019 waren es 1.138 Personen.

Chefin der Arche München: Heidi Graf. Foto: Andre Spannl

 

 

Bei Anruf Hilfe im Umgang mit COVID-19

Eine weitere Stelle in München, die sich mit den psychischen Problemen der Menschen auseinandersetzt, ist der Krisendienst Psychiatrie Oberbayern. Teamleitung der Leitstelle ist Stefan Sponner. Noch sei sein Team durch die Corona-Krise nicht überlastet, „dennoch haben wir mit Spitzen zu kämpfen“. Vor allem nach den großen Pressekonferenzen habe man einen spürbaren Anstieg der Anrufe bemerkt. Das schlug sich auch in den Zahlen nieder. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete der Krisendienst im Jahr 2020 einen Anstieg um 2.742 Anrufe. Absolut betrachtet nahmen 29.719 Menschen den telefonischen Dienst in Anspruch. 
Betrachtet man einzelne Monate, so haben die Monate März, Juni und August die größten absoluten Unterschiede im Vergleich zum Vorjahresmonat, mit jeweils über 400 Anrufen mehr beim Krisendienst. Die Menschen seien zu Beginn der Pandemie sehr verunsichert gewesen, betont Sponner. Mittlerweile habe man sich aber an die Situation gewöhnt. Ab Juni begann man dann den Corona-Faktor mit in die Statistik einfließen zu lassen. Es wurde betrachtete, ob der Anruf beim Krisendienst auf Corona zurückzuführen sei. Und tatsächlich sind zum Beispiel 11,5 % der Anrufe im Juni auf Corona zurückzuführen. Im Dezember nannten sogar 15 % der Anrufer das Coronavirus als Hauptgrund für den Kontakt mit dem Krisendienst.

 

 

Lockdown und Gewalt

Ein weiterer Punkt der mit dem Lockdown in Verbindung steht ist die häusliche Gewalt. Betrachtet man die polizeilich gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt im Raum München, so sind es zwei Gruppen die besonders betroffen sind. Das sind zum einen Kinder im Alter von unter 14 Jahren. Hier stieg der Opfer-Anteil 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 77 %. 

"Anfangs totale Stille"
Andrea Kleim, Beauftragte für Kriminalitätsopfer Polizei München


Die andere von häuslicher Gewalt betroffen Opfer-Gruppen sind Menschen zwischen 50 und 60 Jahren. Hier stieg die Zahl der Fälle um 28 %. „In den älteren Jahrgängen kommen dementielle Erkrankungen hinzu, bei denen ein unheimliches Konfliktpotential herrscht“, sagt Sponner. Dennoch muss man anmerken, dass die Polizeistatistik zu wenige Fälle enthält um eine statistisch signifikante Aussage über Ursache und Wirkung der häuslichen Gewalt zu treffen. Insgesamt gab es 137 weniger gemeldete Fälle häuslicher Gewalt in München. „Die Polizei betrachtet nur das Hellfeld, also Taten die angezeigt worden sind“, sagt Andrea Kleim, Beauftragte für Kriminalitätsopfer der Polizei München. „Anfangs totale Stille, sogar im Lockdown“, berichtet sie aus ihrem Beratungsalltag zu Beginn der Pandemie. Es hätte damals wenige Fälle gegeben und die Situation wäre bis heute ähnlich. „Vor Corona habe ich mir die Finger wund telefoniert, um Frauen an Frauenhäuser zu vermitteln“, sagt sie. Während des Lockdowns hätten Frauenhäuser sogar eine sogenannte „null-Anfrage Lage“ gehabt. „Das kenne ich aus vor-Corona-Zeiten anders.“

 

 

 
 

 
Redaktion

 

 
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