Die tägliche Autofahrt ist schon Teil der Arbeit

Interview mit einem Berufspendler, der seit 14 Jahren jeden Tag mindestens drei Stunden im Auto verbringt.
Viele Menschen pendeln täglich mehr als 100 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz. In Deutschland sind es 8,5 Millionen, die länger als eine Stunde fahren. Circa 850.000 benötigen sogar länger als 90 Minuten pro Weg. Mario Dickopf, 48 Jahre alt, fährt täglich 140 Kilometer von seinem Wohnort Koblenz nach Köln zu seinem Arbeitsplatz und wieder zurück. Er arbeitet bei der Firma Ford im Schichtdienst. Im Interview spricht er über die langen Autofahrten und wie sie sein Umfeld und seine Freizeit beeinflussen.

Herr Dickopf, Sie pendeln seit 14 Jahren von Koblenz nach Köln. Nervt Sie die tägliche Fahrt nicht?

Nein, ich fahre sehr gerne Auto.

Wie viel Zeit geht am Tag für die Autofahrt mindestens drauf?

Mindestens drei Stunden am Tag. Es kommt immer auf die Zeiten an, zu denen ich fahre.

Sie arbeiten im Schichtdienst und fahren also immer zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Was sind die Unterschiede?

Wenn ich Frühdienst habe, fahre ich morgens um vier Uhr und brauche etwa eineinviertel Stunde, da die Autobahn meist komplett frei ist. Zurück fahre ich gegen 14 Uhr und bin mindestens zwei bis drei Stunden unterwegs, da zu dieser Zeit viel los ist. Wenn ich Spätschicht habe, fahre ich morgens um 11:30 Uhr mindestens eineinhalb Stunden und zurück um 22:30 Uhr wieder etwa eineinviertel Stunde. Die Spätschicht ist für mich deutlich entspannter. Aber auch das kann variieren. In den Ferienzeiten zum Beispiel dauert es meistens noch länger, da viele mit dem Auto in den Urlaub fahren.

Auf dem Heimweg stand ich sechs Stunden im Stau.

Erinnern Sie sich noch an ihre längste Fahrt?

An meine längste Fahrt erinnere ich mich sehr gut. Auf dem Heimweg stand ich sechs Stunden im Stau.

Sie bekommen sicherlich oft Unfälle mit. Haben sie ein Beispiel für uns?

Einmal hat ein Lastwagen ein Auto auf der Autobahn mindestens 200 Meter quer vor sich hergeschoben. Der Autofahrer hat einige Autos und auch den LKW überholt und sich dann wieder zu früh rechts eingeordnet. Der LKW hat das Auto so erwischt, dass es direkt quer vor seiner Front war. Der Unfall ist genau vor meinen Augen passiert.

Waren Sie selbst schon in einen Unfall verwickelt?

Ich hatte einen Unfall in 14 Jahren – wegen Glatteis. Ich habe die Kontrolle verloren und bin links in die Leitplanke gerutscht. Mit Glatteis ist einfach nicht zu Spaßen. Ich und auch niemand anderes wurde verletzt. Da habe ich Glück gehabt.

Es macht einfach keinen Sinn so schnell zu fahren, um fünf Minuten früher anzukommen.

Fahren Sie die Strecke heute anders als vor 14 Jahren?

Ja, auf jeden Fall habe mich daran gewöhnt. Ich erinnere mich an die Anfangszeit, als ich öfter noch Pausen machen musste, weil ich auf dem Heimweg zum Beispiel sehr müde war. Das ist heute nicht mehr so. Außerdem fahre ich heute wesentlich sicherer und behutsamer. Im Schnitt fahre ich mit 120 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn und nicht mehr 180 wie früher. Dennoch bin ich immer pünktlich. Es macht einfach keinen Sinn so schnell zu fahren, um fünf Minuten früher anzukommen. Das spielt irgendwann keine Rolle mehr und außerdem verbraucht man mehr Sprit.

Sie fahren mit ihrem privaten Auto. Wie viel Sprit und Verschleißkosten haben Sie etwa im Monat?

Bei den Spritkosten komme ich etwa auf 500 bis 600 Euro im Monat. Wir schauen nach Gebrauchtwagen, die ich circa zwei Jahre fahren kann und die um die 5.000 Euro kosten. Reparaturen muss bedenken, da kann man pauschal keine Zahl nennen.

Viele finden es verrückt.

Wie viel Zeit bleibt für Ihre Familie und Ihre Hobbys?

Zeit mit meiner Frau habe ich nur abends nach der Frühschicht, obwohl ich dann meistens fertig und müde bin. Ansonsten am Wochenende. In der Spätschicht sehen wir uns kaum, außer nachts im Bett. Genauso ist es beim Fußballtraining. Regelmäßigkeit ist schwierig.

Was denken Familie und Freunde drüber?

Sie haben sich daran gewöhnt und wundern sich, dass ich die Strecke noch immer fahre. Viele finden es verrückt.

Denken Sie manchmal darüber nach, sich in der Umgebung einen Job zu suchen, zu dem sie vielleicht nur zehn Minuten fahren müssten?

Nein, die Arbeit würde ich nie wechseln. Ich habe mir zu viel aufgebaut, fühle mich wohl und mache meine Arbeit wirklich gerne, auch wenn es manchmal stressig ist.

Warum käme eine Wohnung in Köln nicht in Frage? Es würde Ihnen viel Stress und Zeit sparen.

Weil ich lieber Zuhause bin, auch wenn es nur für eine gemeinsame Stunde am Tag mit meiner Frau ist.

Verglichen mit einem Lastwagenfahrer ist das bisschen Fahren lächerlich.

Wie lange werden Sie das noch machen?

Wenn ich Glück habe noch zehn Jahre, bis ich in Rente gehe. Das sollte natürlich so früh wie möglich sein.

Wer fährt in Ihrer Freizeit, ihre Frau oder Sie?

Ich fahre, weil mir das einfach nichts ausmacht und ich gerne Auto fahre. Trotz der täglichen Strecke bin ich es noch immer nicht leid, denn verglichen mit einem Lastkraftwagenfahrer ist das bisschen Fahren wirklich lächerlich.

 
Gleich fährt Mario Dickopf los. Foto: Franziska Junker
Gleich fährt Mario Dickopf los. Foto: Franziska Junker
 

 
Redaktion

 

 
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