Preisträgerin Ruth Eisenreich über ihre SZ-Serie „Unter 30“

 
Eine ausgezeichnete Serie!

Ruth Eisenreich ist jung und erfolgreich. Ihre Journalistenausbildung beendete sie 2012. Seither wurde sie bereits mehrfach für Journalistenpreise nominiert und ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Sonderpreis für Volontärsprojekte des Deutschen Lokaljournalistenpreises 2015, der im Oktober 2016 verliehen wurde. Ausgezeichnet wurde hier ihre Serie „Unter 30“, die sie bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) veröffentlicht hatte. Nun durften die Studierenden des Masterstudiengangs „Management und Medien“ im Journalistischen Kolloquium die Hintergründe von „Unter 30“ persönlich von ihr erfahren.

Die Idee zur Serie

„Unter 30“ entstand während Eisenreichs Arbeit in der SZ-Landkreisredaktion. Im Laufe ihrer Arbeit dort hatte sie festgestellt, „dass die Gemeinderäte im Landkreis München fast alle über 50 sind“. Sehr junge Gemeinderäte gibt es nur wenige. Bei Eisenreich warf dies Fragen auf: Wieso engagieren sich junge Menschen in der Lokalpolitik und wo wollen sie hin? Wie geht es ihnen bei ihrer Arbeit im Gemeinderat? Können sich so junge Gemeinderäte durchsetzen? Daraus ergab sich eine Serie, in der jeweils einer der jungen Nachwuchspolitiker vorgestellt wurde.

Die Suche nach interessanten Protagonisten

Eisenreich hat aus ihrem Kollegenkreis rund 20 Vorschläge von U30-Gemeinderäten bekommen. Daraus wurden dann die Portraitierten ausgewählt. Dabei war wichtig, dass die Parteien und Gemeinden angemessen vertreten waren. Zum Anderen sollten die Lokalpolitiker interessant sein. Hierbei halfen ihr Tipps und Einschätzungen von Kollegen, die die infrage kommenden Personen schon im Gemeinderat getroffen hatten. So fand Eisenreich schließlich die sechs Jungpolitiker, die es in die Serie schafften.

Die Recherche

Drei der Protagonisten hat Eisenreich selbst getroffen, die drei anderen eine ihrer Kolleginnen. Eisenreich und ihre Kollegin haben sich mit den Jungpolitikern für die Portraits jeweils nur ein Mal, aber dafür gleich mehrere Stunden getroffen. Dafür wählten sie einen Ort, der etwas mit den Personen zu tun hatte. „Wenn man die Leute in ihrem Alltagsumfeld trifft, kann man eher die Szenen beschreiben und das bringt zusätzliche Ideen für Fragen“, erklärte Eisenreich. Wichtig war ihr ansonsten, unbedingt auch mit Menschen aus dem Umfeld der Jungpolitiker zu sprechen. In diesem Fall wurden jeweils ein Parteikollege und ein bis zwei Personen aus der politischen Konkurrenz befragt.

Unerfahren und unverstellt

Bei der Serie „Unter 30“ ist Eisenreich auf ein typisches Phänomen des Lokaljournalismus gestoßen: „Viele stehen das erste Mal im Mittelpunkt eines Zeitungsartikels. Da kann man sie natürlich noch nicht so hart angehen wie jemanden mit jahrelanger Medienerfahrung.“ Junge Menschen, die im Umgang mit der Presse noch nicht geübt sind, antworten meistens offen und ehrlich, und somit auch mal unüberlegt. Hier ist der Journalist gefragt, zwar kritisch, aber gleichzeitig fair zu schreiben. Er sollte die Offenheit des Gesprächspartners nicht ausnutzen. Nicht jeder weiß schließlich, dass man mit einem Journalisten „unter drei“ sprechen muss, damit die Information nicht veröffentlicht wird. „Ich fand es angenehm, dass die Leute in den Gesprächen für meine Serie unvoreingenommen und unverstellt waren“, fasste Eisenreich ihren Kontakt zu den jungen Politikern zusammen.

Schließlich war die Resonanz über die fertigen Artikel vonseiten der Protagonisten gut. Doch Eisenreich warnte: „Das ist immer auch ein zweischneidiges Schwert. Dann freut man sich natürlich, aber das legt auch die Frage nahe, ob man vielleicht zu unkritisch war.“

Look der Serie

Das Konzept für die Umsetzung der Serie ergab sich aus dem Thema: „Es geht um junge Leute, also sollte es ein jung aufgemachter Artikel werden.“ Daraus entstand schließlich die Idee einer Foto-Pinnwand, die jedes Portrait ergänzte. Alle sechs Jungpolitiker haben Eisenreich private Fotos von sich zur Verfügung gestellt. „Das hat meine Arbeit um die Selbstdarstellung der jungen Menschen erweitert und – gerade in Sachen Bilder – persönlicher gemacht“, so die SZ-Journalistin. Darüber hinaus hatte sie ihre Protagonisten jeweils um ein selbstgedrehtes Video gebeten. „Damit wollte ich die Protagonisten unvermittelt zu Wort kommen lassen.“ Die Videos wurden auf der facebook-Seite der SZ veröffentlicht.

Einen Link zu der Online-Ausgabe oder den Videos gab es in der Print-Ausgabe übrigens nicht. Wie Eisenreich den Studierenden bei ihrem Besuch erklärte, habe sie gelernt, dass sich Leser meistens nicht die Mühe machen, einen Link aus der Zeitung abzutippen. Jedoch teilten nicht alle Studierenden diese Meinung.

Abschließend gab Eisenreich den Studenten allgemeine Tipps für gute Portraits mit auf den Weg:

  • Trefft eure Protagonisten so oft und so lange wie möglich und zwar in einem möglichst persönlichen Umfeld, das auch zum Thema passt.
  • Begleitet die Person in ihrem Alltag. Wie agiert sie mit anderen? Ist das Verhalten zum Beispiel widersprüchlich zu den eigenen Aussagen?
  • Zitiert und beschreibt die Person und ihr Verhalten.
  • Wenn ihr ein Diktiergerät nutzt, könnt ihr euch besser auf Mimik und Gestik konzentrieren, statt immer auf das Mitschreiben fixiert zu sein.
  • In einem guten Portrait muss alles möglichst genau dargestellt werden. Es reicht nicht, zu schreiben, jemand sei „arrogant“. Es muss beschrieben werden, inwiefern. Dazu gehören unbedingt Beispiele.
  • Achtung: Der Mensch ist vielschichtig und nicht nur gut oder böse.
  • Auf keinen Fall alles beschönigen und nur lieb und nett schreiben, um dem Protagonisten zu gefallen.
  • Lest davor alles Verfügbare über den Protagonisten, um ihn u.a. besser einordnen zu können.
  • Jede Selbstdarstellung sollte hinterfragt werden. Besonders bei Profis ist Vorsicht geboten.
  • Bei einem Portrait solltet ihr alles daran setzen, der Person gerecht zu werden.
  • Bitte NUR die Zitate (mit Kontext) gegenlesen lassen, aber nie fertige, redaktionelle Formulierungen.
  • Ein Portrait steht und fällt immer mit der Personenauswahl!

Wie kam es zu der Auszeichnung?

Und wieso bekam nun ausgerechnet „Unter 30“ einen Lokaljournalistenpreis? Eisenreich selbst meinte: „Vor allem wurde sicher die Idee an sich ausgezeichnet.“ Junge Lokalpolitik ist aktuell kaum in Zeitungen vertreten. Dadurch hat Eisenreich eine Lücke gefunden.

Preise sind für Nachwuchsjournalisten eine tolle Bestätigung und Anerkennung für deren Leistungen. So werden auch die Recherchearbeit und ein gutes Themengespür entsprechend gewürdigt.

„Online kann sehr eindrucksvoll sein“

Eisenreichs SZ-Volontariat ging Ende 2016 zu Ende. Mit einer Aussage über ihre mögliche Zukunft konnte Eisenreich viele Studierende überraschen: „Online fände ich auch nicht schlecht.“ Sie bedauere zwar, dass Online aufgrund der Arbeitsbedingungen oft oberflächlicher sei. Was sie aber besonders an der Online-Arbeit schätze, seien die vielen Möglichkeiten. „Online kann sehr viel“, betonte sie. Dabei spricht Eisenreich aus eigener Erfahrung, denn sie arbeitete während ihres Volontariats auch in der Online-Redaktion der SZ. „Im September 2015 war Merkel ganz erstaunt über die Situation von syrischen Flüchtlingen im Nahen Osten. Da dachte ich mir, dass das doch nichts Neues ist.“ Um zu zeigen, dass sich diese Flüchtlingswelle schon lange angedeutet hatte und bereits viele darauf aufmerksam gemacht hatten, erstellte Eisenreich eine chronologische Liste aus Zitaten seit 2012. Diese wurde so lang, dass man bis zum Ende des Artikels ein paar Mal runter scrollen muss. „Das hat wahrscheinlich kaum jemand Satz für Satz bis zum Ende durchgelesen, aber das macht nichts. Die Idee war, dass die Länge der Liste für sich genommen schon das Ausmaß der Heuchlerei verdeutlicht“. Und natürlich wäre das auf diese Weise in keinem anderen Medium möglich gewesen. „Online kann sehr eindrucksvoll sein“, machte Eisenreich klar.

Artikel von Ruth Eisenreich

Du hast nun Lust darauf bekommen, den ein oder anderen Artikel von Eisenreich zu lesen? Dann geht's hier lang:

Die Schande von Pavillon 15 - ausgezeichnet mit dem Anerkennungspreis des Prälat-Leopold-Ungar-Preises 2013

Der lange Dienst des Doktor Jung - nominiert für die Beste Lokalreportage des Deutschen Reporterpreises 2012

Noch mehr findet ihr auf Ruth Eisenreichs Blog.

 
Ruth Eisenreich im Kolloquium / Foto: Nils Werner (http://niwblog.de/)
Ruth Eisenreich im Kolloquium / Foto: Nils Werner (http://niwblog.de/)
 

 
Redaktion

 

 
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