Sport- Apps

 
Es kann nur einer gewinnen

Lauf-Apps gibt es heutzutage wie Sand am Meer. Welche aber ist die Richtige für mich? Ein Selbstversuch mit einer der bekanntesten Lauf-Apps.

Mein Puls rast, die Lunge pumpt kalte Novembermorgen-Luft durch die Bronchien. Kleine sandfarbene Kieselsteine knirschen unter meinen Füßen. In gleichmäßigem Rhythmus tönen meine Schritte auf dem Feldweg. Als ich das letzte Waldstück verlasse, die Abzweigung nach links nehme, vorbei am aufgestellten Feldkreuz, sehe ich wieder die Felder. Heute sind sie leicht mit Nebel bedeckt. Dahinter lassen sich die ersten Häuser erahnen, sie schimmern durch den Nebel hindurch und ich weiß: Gleich ist es geschafft!

Zufrieden ziehe ich meine Laufschuhe aus. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich meine Strecke in weniger als einer Stunde gelaufen bin. Perfekt, so wie immer. Wie lange ich exakt gebraucht habe, weiß ich jedoch nicht. Auch nicht, wie viele Kilometer ich gelaufen bin. Ich möchte versuchsweise die genaue Strecke und Zeit dokumentieren, denn ich bin gespannt, ob sich mein Laufverhalten dadurch verändert. Werde ich durch die Nachverfolgung meiner Daten vielleicht sogar besser? Doch wie kann ich verlässliche Messungen bekommen?

Welche App ist die richtige für mich?

Ein guter Kommilitone gibt mir ein paar Tage später den entscheidenden Hinweis: Die Lösung meines Problems ist natürlich - wie für alles heutzutage - eine App. Deshalb möchte ich nun eine passende Sport-App für mich finden. Eines Abends mache ich mich auf die Suche nach der passenden App in der Bibliothek des 21. Jahrhunderts. Eine große und allwissende Suchmaschine liefert mir gleich im ersten Suchdurchlauf 533.000 Ergebnisse. Ich klicke wahllos auf eine der ersten vorgeschlagenen Seiten. Runnersworld heißt sie. Da muss ja für mich etwas dabei sein. Ich werde förmlich erschlagen von einem unüberschaubar großen Angebot an verschiedenen Lauf-Apps. Trainingsplanung und Dokumentation, eine App für Routenmessung, Höhenmessung und Distanz, eine weitere mit Analysetool, die nächste läuft garantiert auf allen Betriebssystemen. Das Angebot überfordert mich. Ich priorisiere deshalb meine Suche. Das ist für mich ziemlich einfach, weil die App für einen Schwaben wie mich vor allem eine Eigenschaft aufweisen muss. Sie darf nichts kosten. Ich entscheide mich für die App „Runtastic“. Sie erfüllt mein Muss-Kriterium und verspricht darüber hinaus Distanz, Strecke und Geschwindigkeit aufzuzeichnen. Klingt schon mal gut, meine Grundanforderungen sind somit alle gedeckt. Eigentlich bin ich ja kein Typ, der immer die neuste Technik braucht. Apple-Watch? Eine Uhr hab ich schon. Ein neues Smartphone? Mein fünf Jahre altes mobiles Telefon funktioniert noch wunderbar. Jetzt sogar mit Runtastic-App. Aber gut, es hilft ja nichts, ich möchte mich auf den Versuch einlassen. Die App herunterzuladen und zu installieren funktioniert reibungslos. Auch ein nicht ganz so Technik begeisterter Mensch wie ich hat damit keine Probleme. Kurz noch meine Daten eingeben, Name, E-Mailadresse sowie Alter und aktuelles Gewicht. Fertig ist die Registrierung. Digitale Trainingsprogramme sind derzeit schwer in Mode. Runtastic beispielsweise wurde schon weit über zehn Millionen Mal heruntergeladen. Große Sportartikelhersteller bieten eigene Programme an.

Der erste Feldversuch

Es ist wieder Freitagnachmittag, die Schuhe sind geschnürt, das Wetter ist perfekt und das Handy voll aufgeladen. Ich bin startbereit, mein Handy und ich können los. Anders als üblich höre ich mit dem Handy heute nicht Musik. Stattdessen öffne ich die Runtastic-App. Ich werde gefragt, ob ich mit der Standortermittlung einverstanden bin. Eigentlich nicht, aber für den Versuch mache ich eine Ausnahme. Nach ein paar Sekunden ertönt eine freundliche Frauenstimme: „Die Funktion ist bereit.“ „Oha!“, denke ich mir und schon geht es los! Zuerst laufe ich ein paar Meter und werfe einen prüfenden Blick auf das Display. Tatsächlich, die App zählt mit. Nun weiß ich also, ich bin schon 0,03 km gelaufen. Ich werfe einen kurzen Blick zurück, sehe mein Haus. Ja, die Entfernung stimmt schon mal. Nachdem ich auf dem Feldweg bin, ein weiterer Kontrollblick. 0,24 km Laufleistung. Klasse, das Ding funktioniert. Ich bin erstaunt und begeistert, kann ich doch nun genau sagen, dass ich 240 Meter gelaufen bin und 18 Kilokalorien verbrannt habe. Zufrieden lasse ich das Handy in meiner Sportjacke verschwinden.

Im Voraus habe ich weiter im Internet recherchiert. Der Marathonläufer und Sport-Kolumnist Achim Achilles hat sich in seinem Blog schon mit diversen Apps beschäftigt. Auch Runtastic finde ich schnell. "Gut für Einsteiger", "kostenlos" und "ein Highlight" heißt es über den mehrfach anwendbaren Streckenfilter. Danach lassen sich offenbar Suchkriterien kombinieren, um Läufe nach bestimmten Bedingungen zu filtern. Etwa nach Ort, Zeitpunkt oder Dauer des Laufes. Ich kann durch die Funktion auch meine eigene Strecke kombinieren. Einsteiger können somit die Länge oder den Ort selbst bestimmen.

Zurück auf dem Feldweg bei meinem ersten Feldversuch. Nachdem ich also von den Grundfunktionen überzeugt bin, kommt eine weitere Überraschung. Die Frauenstimme spricht wieder zu mir! Irritiert krame ich das Handy heraus, die Schrittgeräusche auf dem Feldweg erschweren das Hören. „Sie haben einen Kilometer in fünf Minuten und achtundzwanzig Sekunden gelaufen. Sie haben fünfundachtzig Kilokalorien verbrannt“. Klasse, denke ich mir, schon 85 Kilokalorien. Nur die Zeit gefällt mir nicht sonderlich. Ein guter Läufer macht den Kilometer schließlich in weniger als fünf Minuten. Da es aber leicht bergauf geht und ich mich noch warmlaufe, ist das in Ordnung. Doch es ist schon komisch: Ich werde unmittelbar bewertet und stehe gleich unter Leistungsdruck. Schließlich weiß ich, dass ein gelaufener Kilometer in über fünf Minuten nicht gerade herausragend ist. Ich ertappe mich nun dabei, wie ich immer wieder auf mein Smartphone schiele, immer die neuesten Daten im Blick. Nach kurzer Zeit meldet sich erneut meine App: „Sie sind zwei Kilometer gelaufen“. Wieder erhalte ich eine ausführliche Berichterstattung über meinen Laufdurchschnitt sowie meinen Kalorienverbrauch. Doch dann fährt die gute Dame fort: „Wenn Sie Musikdienste nutzen möchten, laden Sie sich unsere aktuelle ...“ „Ok“, denke ich mir, „etwas Werbung für eine kostenlose App muss schon sein – aber nicht während ich laufe.“ Ein Wisch und die App ist auf lautlos geschaltet.

Erste Ergebnisse

Nach einer warmen Dusche sitze ich mit einem frisch gebrühten Kaffee an meinem Schreibtisch und schaue mir nochmals meine Ergebnisse an, die klar und präzise vor mir liegen. Ob ich meinen Lauf auf Twitter oder Facebook veröffentlichen möchte, werde ich gefragt. „Ich denke eher nicht. Wer weiß, wo die Daten überall landen. Womöglich kennt dann noch jemand anders meine schöne Laufstrecke. Nicht, dass ich die noch teilen muss!“ Dennoch schaue ich interessiert auf die Ergebnisse meines ersten Laufes. Ich erfahre mehr über meine Gesamtzeit, kann meine kompletten Laufwege nachvollziehen und sehe, wie viel Zeit ich für jeden einzelnen Kilometer gebraucht habe. Während der nächsten zwei Wochen recherchiere ich weiter im Internet, finde Foren, in denen sich Interessierte über die verschiedenen Funktionen diverser Sports-App austauschen. Ich überfliege die Beiträge, lese flüchtig manche Kritiken, Anmerkungen oder Lobpreisungen. Dann bleibe ich plötzlich hängen, mir stechen zwei Wörter ins Auge: Ghost Runs. Diese Funktion ist das nächste Angebot, das ich ausprobieren möchte. Schuhe schnüren, Handy anschalten, Einstellungen laden – die Lauf- App gehört mittlerweile dazu. In den Routinevorbereitungen meiner Läufe ist Runtastic bereits fester Bestandteil.

Ich oder Ich – es kann nur einen geben

Über die eingebaute Satellitenortung zeichnet Runtastic mein Tempo beim Joggen auf. Dann starte ich einen sogenannten Ghost Run: Wettläufe gegen virtuelle Konkurrenten, deren Strecken und Zeiten meine App gespeichert hat. Heute trete ich gegen einen Lauf an, den ich selbst gemacht habe. Genauer gesagt, trete ich gegen meinen ersten Selbstversuch mit Runtastic vor zwei Wochen an. Dabei ist klar, es kann nur einer gewinnen: ich (damals) oder ich (heute). Das ist wahre Selbstüberwindung.

Wie gewohnt laufe ich los, meine Strecke kenne ich schließlich auswendig. Vorbei an den Einfamilienhäusern, die Straße links rein und ich bin auf dem Feldweg. Das Wetter ist heute kälter, aber meine schwarze Wollmütze ist ein treuer Begleiter. Heute mit dabei: Mein heutiger Gast und Gegner, ich selbst vor zwei Wochen.

Was für ein eigenartiger Gegner, immer nur wenige Schritte voraus, aber kaum einzuholen. „Achtung, du fällst zurück!“, mahnt die Frauenstimme, „Gib alles!“ Wenn die gute Frau nur wüsste. Verbissen sprinte ich den Feldweg entlang, der Nebel bedeckt sanft die Felder und lässt die Waldkante nur erahnen. Die blauen Laufschuhe erzeugen einen monotonen Klang, wenn die Plastiksohle auf die Kieselsteine trifft. Ich beginne mein Tempo zu erhöhen, denn ich hechele weiter dem unsichtbaren Gegner hinterher.

Neben den Ghost-Runs gibt es noch eine weitere Funktion über Runtastic, das sogenannte Live-Tracking. Hier wird die aktuelle Trainingseinheit direkt über die Website angezeigt, wo meine Freunde mich als blauen Punkt auf der Karte verfolgen können, ein bisschen wie Agenten in einem Spionagefilm. Positive Erfolge sind sogar wissenschaftlich belegt. Denn sobald jemand zuschaut, strengt man sich mehr an. Hawthorne-Effekt wird dieser Ansporn genannt. Das Phänomen entdeckten Arbeitswissenschaftler um 1920 in den amerikanischen Hawthorne-Werken, als sie versuchten, die Leistung von Arbeitern zu messen. Überrascht stellten sie fest, dass die Messung das Ergebnis verfälschte, weil die Beobachteten fleißiger waren als sonst.

Am Ende des Ghost-Run laufe ich in einem guten Rhythmus, die Beine tragen mich förmlich von selbst über den Feldweg. Die letzte Kurve noch. Ich sehe die Sonne untergehen, die nochmal mit ihren schwachen Strahlen die Dächer berührt. Und da steht es, schwarz auf weiß, bzw. es leuchtet mir auf dem Display entgegen. Mit verschwitzen Händen streiche ich über das Smartphone, mir wird das Ergebnis angezeigt: 51 Minuten und 24 Sekunden. „Glückwunsch, du hast eine neue Bestzeit erreicht“, gratuliert die Frau, die mich vor ein paar Minuten noch ermahnt hat, schneller zu laufen. Und die Nachricht vom „Sieg“ über mein Vergangenheits-Ich löst Freude in mir aus. Ein Moment des Triumphes über mich selbst.

Digitale Selbsterziehung

Doch inwieweit war diese Leistung durch die App beeinflusst? Hatte ich heute vielleicht einfach einen besseren Tag? Die Methode der App erinnert an die des Harvard-Psychologen B. F. Skinner, der um 1930 in seiner "Skinner-Box" Tiere durch gezielte Belohnungen darauf "konditionierte", ihr Verhalten zu ändern. Der freie Wille sei eine Fiktion, meinte Skinner, und wurde in erbitterten Debatten beschuldigt, totalitäre Machtphantasien zu rechtfertigen. Kommt nun die Skinner-Box zurück in Form von Apps, die uns zu unseren eigenen Versuchskaninchen machen? Die digitalen Selbstdressurkäfige sollen den Willen im Kampf gegen die Trägheit stärken.

Nun, ich denke, ganz so drastisch sind die Auswirkungen nicht. Es ist wieder Freitagnachmittag. Ich schnüre meine Laufschuhe. Das Handy habe ich in der Hand, schalte es an, stelle meine Musik ein - lasse es in meine Tasche sinken. Ich laufe los. Ganz ohne Datenaufzeichnung. Denn der beste Trainingspartner bin immer noch ich selbst und keine App.

 
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Das Handy gehört für viele heutzutage genauso zum Joggen wie die Laufschuhe (Foto von Nils Werner, http://niwblog.de)
 

 
Redaktion

 

 
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