Höllenritt über 24 Kilometer

Durch Eiswasser und Schlamm, über Mauern und Reifen: ein normaler Halbmarathon kann mit dem Hindernislauf „Getting Tough – The Race“ in Rudolstadt nicht verglichen werden. Franziska Junker hat ihn überstanden.

Nach drei Stunden und 28 Minuten hat das Leiden ein Ende. Im Ziel sind die schweren, schmerzenden Beine und die ständigen Wadenkrämpfe nur noch Nebensache. „Ich habe es geschafft“, ist der einzige Gedanke, der sich in meinem Kopf breitmacht.

Bei etwa minus ein Grad Celsius fällt am 3. Dezember um zehn Uhr der Startschuss in Rudolstadt, Thüringen. Knapp 3.000 Läufer sind ganz heiß auf die 24 Kilometer lange Strecke mit etwa 180 Hindernissen. Der Massenstart findet auf einem hart gefrorenen Acker statt. Ich bin mittendrin, zusammen mit meinem Laufpartner Thomas Kulzer, 21 Jahre alt. Ich habe mich nicht speziell vorbereitet, da ich durch mein tägliches Kraft- und Ausdauertraining als Soldatin fit bin. „Ich lasse es mal auf mich zukommen – wird schon gut gehen“, dachte ich bei der Anmeldung im Oktober.

Der Startschuss wird gesetzt. Wir rennen los. Keine 200 Meter bis zu dem ersten Kriechhindernis: gespannte Seile mit Stacheldraht, etwa 50 Zentimeter über dem Boden. Anschließend der Wassergraben. Noch voller Energie und Elan laufe ich die ersten Kilometer und nehme die ersten Hürden. Der „Trichter“, ein Streckenabschnitt auf einer matschigen Wiese mit vielen aneinandergrenzenden Hügeln, die ich ständig auf und wieder ablaufen muss, kostet mich viel Zeit und Kraft. Auch die Holzwände und das Laufen mit einem Autoreifen als Ballast machen mir es nicht wirklich leichter. „Warum tue ich mir das eigentlich an?“

Gehen statt laufen

Die weiteren zehn Kilometer Laufstrecke haben deutlich weniger Hindernisse, aber viele Höhenmeter. Viele Teilnehmer gehen die steilen Berge hoch statt zu laufen – um Kräfte zu sparen. Auch ich komme Teile der Strecke einfach nicht im Laufschritt hoch. Meine Oberschenkel brennen. Die Berge sind auf Dauer zu steil. Doch auf den geraden und nicht zu steilen Strecken geben Thomas und ich wieder Gas. „Wir sind wohl am Ende der Laufstrecke mit den relativ wenigen Hindernissen, jetzt wird’s hart“, rufe ich Thomas zu, als ich den circa 300 Meter langen Wassergraben erblicke. Ich laufe hinein. Das Wasser geht mir bis zur Brust. Ich spüre weder meine Füße, noch die Beine. Knappe fünf Minuten brauche ich, bis ich aus dem kalten Wasser wieder heraus komme. Es fühlt sich schmerzhaft an, als würde ich auf Nägeln laufen.

Kalt und nass: der Hindernissparcour am Freibad

Anschließend absolvieren wir die Sturmbahn, die aus vielen Kletter-, Kriech- und Hangelhindernissen besteht. Ab Kilometer 20 wird es dann nochmal richtig unangenehm – vor allem aber kalt. Der sogenannte „Hindernissparcour am Freibad“, der aus vielen Wasserhindernissen besteht, verlangt mir viel ab. Ich ziehe meine Badekappe auf, springe ins Wasser und tauche in dem Schwimmbecken unter mehreren Baumstämmen durch. Danach laufe ich immer wieder durch mit Eiswasser gefüllte Container und werde von allen Seiten von festen Wasserstahlen getroffen. Am Ende schwimme ich sogar noch durch einen Fluss, um auf die andere Seite – um überhaupt weiter zu kommen.

Auf diesem Teil der Strecke muss Thomas öfter stoppen, da seine Beine krampfen. Aber wegen der Nässe und der Kälte muss ich einfach in Bewegung bleiben. „Hier trennen sich wohl unsere Wege“, denke ich. Geplant war das nicht, aber wir wissen beide, dass es die sinnvollste Alternative für uns ist. „Keine drei Kilometer mehr bis zum Ziel“, sage ich mir und will nochmal alles aus mir raus holen. Der Ehrgeiz hat mich gepackt.

Die Qualen des "Walk of Fame"

Und dann kommt er, der so genannte „Walk of Fame“. Die Strecke der letzten zwei Kilometer vor dem Ziel: Auf einem großen Feld ist Hürde an Hürde aufgebaut. Die Strom-, Hangel-, Wasser- oder Kletterhindernisse nehme ich nach der Zeit nur noch so hin, denn alle fünf bis zehn Meter kommt ja sowieso eine neue Herausforderung. Besonders quälen muss ich mich beim Kriechen durch einen aus Pflanzsteinen gebauten Tunnel. Der Untergrund, auf dem ich krieche, sind viele kleine und sehr spitze Steine, die sich in meine Knie bohren. Doch die Unterstützung des Publikums und das gegenseitige Anfeuern und Helfen unter den Läufern motiviert mich durchzuhalten. Vor dem nächsten Hindernis, das aus aufeinander gestapelten Reifen von Lastwagen besteht, sehe ich einen Läufer, der stark unterkühlt und anscheinend mit großen Schmerzen auf dem Boden liegt. Er wird von zwei Rettungssanitätern von der Strecke geholt. Viele Teilnehmer erreichen das Ziel nicht.

Im Ziel: Erschöpfung und Stolz

Dann kommen sie auch bei mir – die Wadenkrämpfe. Ich muss ab und zu stehen bleiben und meine Waden durchstrecken, damit die Schmerzen nachlassen. Mein ganzer Körper zittert. Jeder Schritt fällt mir schwer. Ich fange an zu weinen; kann es einfach nicht verhindern. Eine Kombination aus Erschöpfung und Schmerzen, Erleichterung und Stolz, denn das Ziel liegt nur noch wenige Meter vor mir. Und dann kommt der lang ersehnte Moment – ich habe es tatsächlich geschafft. Der Stadionsprecher nennt meinen Namen. Ich laufe über die Ziellinie – erwartet von den beiden Veranstaltern. Sie gratulieren mir, umarmen mich und überreichen mir eine Medaille. Dann kommen Helfer mit Wärmedecken und warmen Getränken. Ich merke, wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breitmacht und für den ganzen Tag bleibt. Mit einer Zeit von 03:28:25 habe ich den 642. Platz in der Gesamtwertung erreicht und bin 16te der Frauen geworden. Am Ende kommen von den 3.000 Läufern, die gestartet sind, nur 2.400 im Ziel an. Die Medaille in der Hand zu halten, macht mich wirklich sehr stolz. Keine zwei Tage später habe ich mich bereits bei „Getting Tough – The Race“ für 2017 angemeldet.

 
Motivation vor dem Lauf: Thomas Kulzer (21), und ich. Foto: Franziska Junker
Motivation vor dem Lauf: Thomas Kulzer (21), und ich. Foto: Franziska Junker
 

 
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