Journalistisches Kolloquium: Geschichte in den Medien

 
Hitlers geheime Rüstungsanlage

Auf Spurensuche mit Maximilian Czysz
Ein kleines Bild war der Auslöser für seine Recherche. Maximilian Czysz (42), Redakteur des Augsburger Landboten, einer Heimatausgabe der Augsburger Allgemeinen, entdeckte es während eines Sonntagsdienstes im November 2015 bei einer Ausstellung. Erst als die Redaktion das Bild vergrößerte, fiel auf, dass es aneinandergereihte Leichen vor einer Hütte in einem Fichtenwald zeigte. Das Bild wurde während der letzten Jahre des 2. Weltkriegs aufgenommen. Czysz startete eine Spurensuche, die ihn drei Monate in Atem halten sollte. Er lüftete das Geheimnis um die Rüstungsanlage "Kuno" im Scheppacher Forst bei Zusmarshausen (Landkreis Augsburg) und erhielt für seine Bemühungen im vergangenen Jahr von der Konrad-Adenauer-Stiftung den Lokaljournalistenpreis 2016 in der Kategorie "Geschichte". Über seine Recherchen sprach Czysz jetzt im Journalistischen Kolloquium des Masterstudiengangs "Management und Medien".

"Im Original war das Bild so klein, dass wir es erst vergrößern mussten, um die Leichen zu erkennen", erinnert sich Czysz.


Auch hier fällt das eigentliche Grauen erst bei näherer Betrachtung auf.
(Foto: Seite 13, Präsentation Maximilian Czysz vom 08.05.2018)

Mitstreiter von Maximilian Czysz beim Bergen von Funden im Scheppacher Forst.
(Foto: Maximilian Czysz)

Der Weg der Recherche

Es waren vor allem die letzten noch lebenden Zeitzeugen, die Czysz als Hauptansprechpartner dienten. Im Zusammenhang mit dem Geheimwerk Kuno ist beispielsweise Richard Käßmair zu erwähnen, der vor mehr als 70 Jahren als Elektriker im Waldwerk arbeitete. Dieser wurde vor Jahren von den Schülern des Zusmarshausener Lehrers, Hans-Peter Englbrecht, interviewt, denen er die Rüstungsanlage zeigte.

Hinzu kamen zahlreiche Berichte von Überlebenden des Holocausts sowie deren Aufzeichnungen über die verhängnisvolle Zeit. Zum Teil fand er auch bei Opfer-Organisationen verschiedene Niederschriften, Bilder und ähnliche Zeugnisse der Vergangenheit. 

Nach Bildmaterial suchte Czysz auch in den Archiven und Museen der umherliegenden Gemeinden. Getreu seiner Devise, die Fühler in alle Richtungen auszustrecken, brachte ihn seine Recherche nach Amerika und sogar nach Australien. Natürlich suchte Czysz auch bei den Überresten "Kunos" und der nahen Umgebung nach Informationen für seine Artikel. In diesem Zusammenhang waren Mitstreiter unabdingbar. Sie halfen ihm beispielsweise Fundament-Reste freizukehren, alles genau zu fotografieren und Funde zu vermessen und zu beschreiben. 

Veröffentlichung der Ergebnisse

Czysz machte seine Spurensuche mit einem Kommentar im Augsburger Landboten vom Montag, den 9. November 2015, erstmals öffentlich. Unter der Schlagzeile "Die Leichen im Wald geben Rätsel auf" ging er auf das oben genannte Bild ein, das ihm den Anstoß zur Recherche gab und kündigte an, dass man sich dem Geheimwerk "Kuno" annehmen werde.

Schon früh war klar, dass das Ergebnis der Recherche nicht auf eine einzige Sonderseite passen würde. In der Redaktion wurde daher die Entscheidung getroffen, eine Doppelseite zu verwenden. Doch die genügte auch nicht. Im Verlauf der darauffolgenden Wochen wurden immer weitere Doppelseiten produziert und veröffentlicht. So waren es am Ende ganze acht Doppelseiten. 

"Für viele ist die Erkenntnis wichtig, dass das Unrecht nicht nur an der Front, sondern auch vor der eigenen Türe stattfand", so der Augsburger Redakteur.


Großer Andrang zur Sonderausstellung im Museum Zusmarshausen.
(Foto: Maximilian Czysz)

Mehr noch! Aus der Serie wurde ein Magazin, das den Titel "Wunderwaffe aus dem Wald" trägt und um weitere Rechercheergebnisse ergänzt wurde. Darüber hinaus entstand im Zusmarshausener Museum eine Sonderschau zum Geheimwerk "Kuno". Derartige Ausstellungen fanden dort sonst nur jeden zweiten Sonntag statt und waren mal mehr mal weniger besucht. Die Sonderausstellung rund um die Recherche von Czysz verhalf dem Museum dagegen an zwölf Sonntagen in Folge zu mehr als 1.500 Besuchern. Der Ansturm brachte die Räumlichkeiten an ihre Kapazitätsgrenzen. Ein voller Erfolg, der sich auch im Gästebuch zeigte. Darin kommentierten auch Zeitzeugen und deren Nachkommen die hervorragende Arbeit von Czysz. Die Recherche stieß und stößt noch heute auf großes Echo.

Die Ehrung mit dem Lokaljournalistenpreis 2016

Der Augsburger Redakteur kam nicht nur bei seinen Rezipienten, sondern auch bei den Juroren des Deutschen Lokaljournalistenpreises 2016 gut an. Während die Menschen der Region die Geschichte nur vom Hörensagen kannten, brachte Czysz Licht ins Dunkel. Das Ergebnis wird von der Jury der Konrad-Adenauer-Stiftung als bewegendes Stück Zeitgeschichte beschrieben. Neben dem Umfang ist vor allem hervorzuheben, wie detailreich Czysz das Leiden der zahlreichen Menschen beschreibt. Er verewigte seine Recherche sowohl im 154-Seiten umfassenden Magazin als auch in der oben genannten Sonderausstellung, in der er den Opfern der Diktatur ein Gesicht verlieh. Grund genug also, seine Arbeit mit dem Lokaljournalistenpreis 2016 in der Kategorie "Geschichte" auszuzeichnen.

Last but not least

Auch wenn die Hauptrecherche mittlerweile drei Jahre her ist, verfolgt Maximilian Czysz das Thema weiterhin.

Appell des Redakteurs an das Journalistische Kolloquium:

"Sie dürfen nicht nur nicht vergessen, was passiert ist, sondern sollten sich immer vor Augen halten, dass Frieden, Freiheit und Wohlstand nicht selbstverständlich sind. Wie schnell damit Schluss sein kann, zeigte die NS-Zeit. Für die Arbeit - egal, ob als Journalist oder in einem anderen Beruf - gilt: Beharrlich bleiben, Leidenschaft zeigen, zuhören und nie aufhören, etwas dazuzulernen."

Maximilian Czysz, ausgezeichnet mit dem Lokaljournalistenpreis 2016 in der Kategorie "Geschichte".
(Foto: Pressebild)

Gern organisiert er Vor-Ort-Termine mit Zeitzeugen, bietet Führungen über das "Kuno"-Gelände an oder trifft sich mit Interessierten, Anwohnern und/oder Zeitzeugen in einem so genannten Erzählcafé.

Im Jahr 2017 fanden übrigens noch mehr als zehn Exkursionen mit bis zu 80 Personen über das Gelände statt. Beim gemeinsamen Besuch der Anlage kommt es immer wieder zum Austausch. Im Moment entsteht im "Kuno"-Wald ein Gedenkweg. Zu diesem gehören zwei große Informationstafeln und vier Kisten aus Holz. Besucher werden diese bei den Resten des früheren Waldwerks entdecken. Sie sollen den primitiven Charakter der Rüstungsanlage symbolisieren. Damals befanden sich in den Kisten Bauteile und Werkzeuge, heute bergen sie Fundstücke und weitere Informationstafeln.

"Man muss sich jeden Tag beweisen, man sollte sich nicht auf Lorbeeren ausruhen. Die Mühle dreht sich immer weiter", entgegnet Maximilian Czysz auf die Frage, ob sich für ihn nach dem Erfolg im redaktionellen Alltag etwas verändert hat.

Auch zukünftig möchte Maximilian Czysz seinen Prinzipien treu bleiben. In einem neuen Projekt geht es um alte Kriminalfälle aus dem Augsburger Land. Seine große Recherche zum Waldwerk "Kuno" wird er aber nicht vergessen.

 
Maximilian Czysz, ausgezeichnet mit dem Lokaljournalistenpreis 2016 der Konrad-Ardenauer-Stiftung in der Kategorie "Geschichte". (Foto: Christian Siebold)Maximilian Czysz, ausgezeichnet mit dem Lokaljournalistenpreis 2016 der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Kategorie "Geschichte". (Foto: Christian Siebold)
 

 
Redaktion

 

 
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