Im Dienste der Toten

Eine Reportage über den Alltag in einem Bestattungsinstitut
Karl Albert Denk ist als Bestatter tätig. Täglich haben er und seine Mitarbeiter mit dem Tod zu tun. Wie sieht so ein Tag aus?

Unterwegs mit dem Leichenwagen

Mit 120 Kilometern pro Stunde fährt der Mercedes-Benz über die Autobahn. Bis zu sieben Fahrgäste haben ihren Platz, vier davon liegend, im Truhensarg. Es geht in Richtung Krematorium, denn dort werden die Leichname verbrannt, bis nichts übrig bleibt als Asche, Metallteile von künstlichen Hüften und Sargnägel sowie einem feuerfesten Stein. In den Stein ist eine Nummer eingraviert, mit der man die Asche des Verstorbenen zuordnen kann. Die Kremation dauert durchschnittlich anderthalb Stunden, wobei glühende Schamott-Steine die Brennkammer auf 850 Grad Celsius beheizen. Danach werden die Überreste in einer Mühle von Stahlkugeln zermalmt und das Metall magnetisch entfernt und anschliessend in eine vorher ausgewählte Urne gefüllt. Zuletzt wird diese Urne an den Ort der Feuer- oder Seebestattung gebracht.

600 Fälle pro Jahr

Der tägliche Umgang mit dem Tod ist für Karl Albert Denk, 34 Jahre alt und Geschäftsführer des gleichnamigen Bestattungsunternehmens mit Hauptsitz in Erding, zur Berufung geworden. Jährlich ist er für 600 Fälle zuständig, 450 davon begleitet er in vollem Umfang, 150 als Erfüllungsgehilfe für diverse Kirchengemeinden. „Mittlerweile sind es vier Filialen, in denen ich und meine Mitarbeiter eine Alternative zu den bisherigen Bestattern anbieten“, sagt er.

Aus seiner Sicht ist es seinen Kunden wichtig, von jemandem betreut zu werden, der gewissenhaft handelt und sich auskennt. Er selbst betrachtet sich als Hilfesteller und Partner, und es ist ihm wichtig Vorurteile abzubauen. Manche Kunden sähen Bestatter als Personen, die Profit aus dem Verlust anderer schlagen. Denk hat mit seiner Mutter schon selbst einen geliebten Menschen verloren. Dadurch habe er viel dazugelernt. Die empfindliche Genauigkeit als Hinterbliebener münze er bei seiner Arbeit in Sorgfalt in seiner Dienstleistung um, schildert er.

Einkleiden für die letzte Reise

Norbert Adelsberger arbeitet seit acht Jahren als Fahrer für Bestattungsbetriebe. Seit zwei Jahren fährt er für Denk. „Hier fallen keine Polizeileichen an, wie bei meinem vorherigen Arbeitgeber, sondern nur solche, die eines natürlichen Todes gestorben sind“, betont er. Er habe schon einiges erlebt, das sich nur schwer vergessen lasse. Einmal habe er einen Mann drei Wochen nach seinem Freitod in einer Badewanne gefunden. „Der Wasserhahn war leicht aufgedreht. Das Wasser noch immer warm. Die Haut war aufgequollen und die Luft erfüllt mir einem süßlich-beißenden Geruch“, erinnert sich Adelsberger. Neben dem Transport gehört auch das Herrichten zu seinen Aufgaben. Er säubert die Toten, kleidet sie ein, macht sie schick, bevor es auf die letzte Reise geht. Ganz nach Kundenwunsch – oft sind es Dirndl und Lederhosen.

Eine Beerdigung lässt sich nicht wiederholen

Was genau die Kunden wünschen, das erfragen Trauerfallberater wie Maximilian Bell. Zu ihm kommen Kunden, die für ihren eigenen Tod vorsorgen wollen, genauso wie Hinterbliebene, die von der Aufnahme eines Falls bis zur Beisetzung betreut werden. Das Telefon klingelt nahezu ununterbrochen. Den Stress darf er sich nicht anmerken lassen, schließlich haben seine Kunden ungleich schwerere Sorgen. Eine kurze Zigarette oder ein Tässchen Espresso und weiter geht´s. Für eine Erdbestattung hat er im Durchschnitt drei bis vier Tage Zeit. Alles muss dann sitzen. Eine Beerdigung lässt sich nicht wiederholen; Fehler sind unverzeihlich. In diesem Bewusstsein schneidet er an einem Stapel Trauerkarten, bis sie sich ohne Überlappung falten lassen. Die Trauerfeier findet noch an demselben Tag statt.

Trauerfeier zu "Dancing Queen"

An einem milden Donnerstag-Nachmittag im Februar am Ostfriedhof München sind alle Stühle im Inneren der Kirche besetzt. Die Frau, die heute betrauert wird, war offensichtlich beliebt. Aus den Lautsprechern ertönt ein Lied aus ihrer Heimat. Für wenige Minuten erscheint der Begriff Trauerfeier ganz und gar nicht paradox. Die Augen vieler Trauergäste glänzen. Im Wechsel halten die nächsten Angehörigen und der Pastor die Erinnerung hoch. So zitiert der Witwer aus E-Mails von Freunden, die leider nicht bei der Trauerfeier dabei sein können. Zu „Dancing Queen“ von ABBA werden schließlich die Vorhänge vor dem Sarg zugezogen. Ein Teil der Trauergemeinde scheint jetzt endgültig zu realisieren, dass ein Wiedersehen unmöglich ist – und verlieren ihren Kampf gegen die Tränen.

Von alldem bekommen die Mitarbeiter nichts mit. Sie warten still in einem Flur hinter dem Kirchensaal, bis eine Lampe aufleuchtet und signalisiert, dass die Trauergemeinde den Saal verlassen hat. In Windeseile wird die Dekoration rund um den Sarg abgebaut und eingeladen, damit die Bühne wieder frei ist. Der Sarg selbst wird – wie die meisten heutzutage – in Richtung Krematorium gebracht.

 
Sargträger bei einer Bestattung. Foto: WikipediaGNU
Sargträger bei einer Bestattung. Foto: WikipediaGNU
 

 
Redaktion

 

 
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