Online erinnern

 
Im Netz gegen das Vergessen

Junge Journalisten engagieren sich
Geschichtsunterricht gehört bei vielen Schülern nicht zum Lieblingsfach. Zu viele Fakten in trockenen Texten verpackt. Geschichtsvermittlung geht aber auch anders, wie das Holocaust-Snapchat-Projekt „sachor jetzt!“ beweist.

Krieg, Tod, Verbrechen, Heldentaten: Die historische Entwicklung der Welt ist voll von solchen Ereignissen, die typischen Geschehnisse sind aus dem Schulunterricht bekannt. Von Napoleon über Hitler und die DDR bis hin zur Wiedervereinigung zieht sich der Geschichtsunterricht über die Schuljahre hinweg. Bei vielen Schülern bleibt davon aber nicht viel hängen. Stattdessen dominieren andere Themen den Alltag der jungen Menschen.

Margot Friedländer wurde in der NS-Zeit von ihrer Familie getrennt. Sie kam ins Konzentrationslager Theresienstadt und überlebte.
Quelle: Screenshot von sachor jetzt!

Geschichte darf aber nicht in Vergessenheit geraten. Das haben sich auch 16 junge Journalisten aus Berlin gedacht, die das Online-Projekt „sachor jetzt!“ ins Leben gerufen haben. Bei einem Interview 2016 mit der KZ-Überlebenden Margot Friedländer kam es zur Initialzündung. „Ich werde eines Tages sterben. Ihr müsst jetzt die Zeitzeugen sein, die wir nicht mehr sein können“, war ein Satz der damals 94-jährigen Jüdin, der nicht mehr aus den Köpfen der Interviewenden verschwand. In einer Teambesprechung nach dem Treffen mit Margot Friedländer wurde den Journalisten klar, dass sie die Botschaft der Zeitzeugen in die Zukunft weitertragen müssen.

 

Das Ziel: an den Holocaust erinnern

Die 16 Journalisten bildeten das so genannte Team 20 der Axel Springer Akademie. Ihr Ziel im Rahmen einer Projektwoche im Dezember 2016 war es, gerade Jugendlichen und jungen Menschen die Thematik „Holocaust“ näher zu bringen. Jugendliche und junge Menschen seien die Entscheidungsträger von morgen und müssen wissen, worum es geht, so ihr Ansatz.„Sachor“ ist hebräisch und bedeutet „erinnere dich“. Dazu will das Team anregen und traf Zeitzeugen, Nachkommen und junge Juden. Die Nachwuchsjournalisten berichteten aus fünf Ländern, darunter Ungarn und Israel. Auch das KZ in Auschwitz, das schlimmste Konzentrationslager der Nazis, besuchten sie. Immer mit dabei – ihre Smartphones.

 

Journalismus abseits der üblichen Kanäle

Um ihre Wunsch-Zielgruppe zu erreichen, musste eine geeignete Plattform gewählt werden. Sie entschieden sich für Snapchat. Bekannt ist Snapchat für kurze Clips, lustige Fotos und Chats mit Freunden. Eignet es sich auch für ernste und journalistische Inhalte? Ja, wie sich zeigen sollte. Die veröffentlichten Clips wurden sehr positiv angenommen. Schnell haben auch Prominente und Redaktionen die neue Präsenz in der Jugend-App bemerkt. „Ich finde, man darf sich nicht darauf ausruhen, was man in der Schule über den Holocaust gelernt hat. Sondern man sollte versuchen, sich wirklich selber bewusst emotional damit auseinanderzusetzen“, sagt Schauspielerin Palina Rojinski laut der Facebook-Seite von „Sachor jetzt!“ über das Holocaust-Projekt.

Andere Prominente meldeten sich ebenfalls positiv zu Wort. Das Holocaust-Projekt der Axel Springer Akademie auf Snapchat sei ein einzigartiger Weg, Menschen daran zu erinnern, wie zerbrechlich Demokratie ist. Das sagte der Gründer und Chef von Snapchat, Evan Spiegel, in einem Video auf der Facebook-Seite und zeigte sich dankbar für das Projekt in seinem Testimonial während seines Besuchs in Berlin 2017.

 

Nicht jeder sieht es positiv