Vortrag im Journalistischen Kolloquium

 
Kochrezept eines Fotografen

Emotionen, Neugier und Mut gewürzt mit einer Prise Inszenierung und Provokation und voilà, das perfekte Boulevard-Foto ist im Kasten. Ganz so einfach ist es dann doch nicht, die Stars und Sternchen unserer Zeit verkaufsträchtig in Szene zu setzen. Niels Starnick, fester Fotograf bei der Bild am Sonntag (BamS), berichtete Anfang Mai über seine Arbeit mit Promis und Politikern.

Masterstudiengang, Kolloquium Fotojournalismus, Dienstagmorgen, Universität der Bundeswehr München. Kein Tatort, wie es vielleicht klingen mag, aber ein Ort des Geschehens. Es geschehen immer Dinge, und gerade wenn sie einem Prominenten oder Politiker passieren, sind sie umso interessanter. Um diese Vorfälle, ob positiv oder negativ, dem Leser näher zu bringen, sind Fotos eines der wichtigsten verkaufsfördernden Mittel. Die Bild am Sonntag ist - nach Angaben der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) im ersten Quartal 2017 - mit einer Auflage von knapp einer Million Exemplaren Deutschlands auflagenstärkste Sonntagszeitung. Im Vergleich: Die Welt am Sonntag, die ebenfalls im Axel Springer Verlag erscheint, hat laut IVW im selben Zeitraum eine Druckauflage von knapp 400.000 Stück. Provokante und exklusive Bilder zeichnen die BamS aus.

Wie soll man Boulevard-Fotografie definieren?

An diesem Dienstag arbeitet BamS-Fotograf Starnick einmal nicht in einem der Berliner Ministerien, um beispielsweise Ursula von der Leyen vor die Kamera zu bekommen. Heute hat er auch mehr als 15 Minuten Zeit. Denn mehr bleiben ihm häufig nicht, um das Foto der Fotos für die BamS-Story zu bekommen, eher weniger. „Da muss man sein Handwerk schon beherrschen“, stellt der große drahtige Mann vor dem Auditorium fest, „aber heute ist kein Stress. Ich möchte versuchen, euch die Bildsprache im Boulevard etwas näher zu bringen“, duzt er uns von Beginn an. Die Stimmung ist entspannt. Beginnt er doch seinen Vortrag mit einem Bild von Kermit, dem Frosch und der Aussage, er wisse selber nicht ganz genau, wie er Boulevard-Fotografie definieren solle.

Dann präsentiert er uns eine Zeitungsseite, zu sehen sind Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und ihre Amtskollegin aus den Niederlanden mit ihren Adjutanten. Eine leichte Untersicht, das Bild sehr freundlich wirkend, die Überschrift mit den Schlagworten „Führung und Klarheit“. „Ich denke, dass ist eine gute erste Betrachtung des Themas“, sagt Starnick, „Boulevard-Fotografie ist deutlich mehr als ein Schnappschuss, es ist mit Anstrengung verbunden.“ Um ein solches Bild, so aussagekräftig und die Geschichte dahinter unterstützend, zu schießen, bedarf es einiger Zutaten.

Das Rezept

Der Fotograf muss nicht nur sein Handwerk kennen, die Kamera blind bedienen und das Licht in Szene zu setzen wissen, es ist deutlich mehr. Starnick muss ein Wissen über aktuelles politisches Geschehen mitbringen. Für die Inszenierung seiner Bilder hat er beispielsweise die Einstellung des Politikers zu der Story und dessen Stellung in der Gesellschaft im Hinterkopf. „Auch so etwas muss berücksichtigt werden, gerade bei politischen Bildern“, betont er. Das Gespür für das gewisse Etwas kann aber nicht schaden. „Bei einem Fototermin mit dem jetzigen Kanzlerkandidaten Martin Schulz waren wir auf dem Dach seines Büros, ich hatte mir zuvor überlegt, wie das Bild nachher in etwa aussehen sollte, mir Gedanken zum Licht, zu seiner Haltung gemacht. Dann kam alles anders. Ich habe ihn Vieles machen lassen, man kann sagen, ihn auch provoziert, bis es Schulz dann zu viel wurde. Er hob seine rechte Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf mich, den Daumen abgespreizt. Da drückte ich auf den Auslöser.“

    

„Jetzt reicht’s!“ – für das Foto hat Starnick den Kanzlerkandidaten an den Nerven gezerrt. (Foto: Niels Starnick)

Starnick provoziert gern

Starnick provoziert seine Protagonisten gern. Seiner Ansicht nach muss er erst einmal einen Rahmen für ein Foto schaffen. Oft reiche es dann, den Dingen seinen Lauf zu lassen und zu gucken, was passiere. „So war es dann bei Schulz. Und das Bild wurde großflächig gedruckt.“

Außerdem ist dem BamS-Fotografen „Nähe“ wichtig. Dieses Wort nennt er in seinem Vortrag immer wieder und stellt die Bedeutung für ihn und den Leser heraus. Um das einzigartige Bild zu bekommen, müsse man etwas wagen, den Mut erbringen, an die Personen heranzugehen, die Distanz zu minimieren. „Durch die Nähe, die ich eingehe, wirkt es auf den Leser ganz anders. Meine Bilder sollen beim Leser ankommen, Emotionen wecken, das ist ganz wichtig. Nähe ist hier die ausschlaggebende Zutat“, macht er den Masterstudenten und Besuchern deutlich, die ihm förmlich an den Lippen kleben. Starnick berichtet mit einer solchen Leidenschaft und Detailtreue von seiner Arbeit, dass jeder nach mehr buhlt. Mehr Anekdoten, mehr Tipps, mehr Einblicken.

„Ich musste auch schon alles wegschmeißen.“

Aber auch er hatte schon Rückschläge zu verkraften. Oft hat Starnick die Möglichkeit, mit seinem Favoritenbild zu überzeugen, doch manchmal passieren unplanbare Dinge. So fotografierte er vergangenen Dezember Bundesinnenminister Thomas de Maizère nach einem Interview vor einem Weihnachtsbaum in friedlicher Atmosphäre. Einen Tag später raste ein Lastwagen in den Berliner Weihnachtsmarkt. Das Interview mit de Maizère und auch die Fotos wurden nicht veröffentlicht.

"Ich bevorzuge es, wenn meine Protagonisten nicht in die Kamera schauen."

Nicht nur ein gewisses Gefühl spielt im Boulevard eine Rolle, auch die Erkenntnis, dass Boulevard-Fotografie mit viel Mühe, Nachdenken und Geld zu tun hat. „Selbst, wenn es der Leser nicht auf den ersten Blick sieht, sind unsere Fotos hochwertig, oft sogar exklusiv“, erläutert Starnick die Anstrengung und Arbeit, die hinter den oft reißerischen und provokanten Bildern steckt. Zudem hat jeder Fotograf seinen eigenen Stil, auch im Boulevard. „So bevorzuge ich es, wenn meine Protagonisten nicht in die Kamera schauen. Damit hat der Leser Interpretationsspielraum und ich kann ihm Gedankenfreiheit geben. In der Redaktion gibt es aber auch Kollegen, denen das nicht gefällt. Die wollen das klassische Boulevard-Foto, in dem der Leser direkt angeschaut wird.“

Menschen müssen nicht besonders gut aussehen

Starnick hat ein explizites Ziel: „Ich will Menschen darstellen wie sie sind.“ Es geht ihm also nicht darum, wie in einem Lifestyle-Magazin, die Personen besonders schön aussehen zu lassen und jede Kleinigkeit weg zu retuschieren. Eher sei es wichtig, der Geschichte ein Gesicht zu geben. Wie dieses dann am Ende aussieht, liege in der Hand des Fotografen.

Im Boulevard gibt es viel Konkurrenz, und die Bild und Bild am Sonntag sind nicht ohne Grund die auflagenstärksten Boulevard-Erzeugnisse Deutschlands. Es bedarf einer anderen Blickweise, eines unerwarteten Blickwinkels und einer einzigartigen Bildsprache. „Wir müssen es schaffen, dem Leser die Tür zu öffnen, und wenn er dann sagt `Boa, wie sind die denn da hingekommen´, dann haben wir einen guten Job gemacht“, hält Starnick abschließend fest. Um das perfekte Boulevard-Bild zu schießen, braucht es neben den zu Beginn genannten Eigenschaften also auch etwas Glück und das Erfolgskriterium Nähe. Diese Tipps des Profis im Hinterkopf können wir uns nun auf die Lauer legen, auf der Suche nach dem exklusiven Boulevard-Foto.

 
Martin Schulz reicht es. © Niels Starnick
Martin Schulz reicht es. © Niels Starnick
 

 
Redaktion

 

 
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