Kunst und Corona: Auftritt ohne Applaus

Die Lockdowns haben den Theatern und Clubs in München schwer zugesetzt. Monatelang durften sie nicht öffnen und auch jetzt ist die Krise für viele noch lange nicht vorbei. Aus der Not machten viele eine Tugend. Und entwickeln neue, digitale Konzepte um zu überleben und nicht gänzlich in Vergessenheit zu geraten.

Markus und Gerrit sind spät dran, in wenigen Minuten beginnt ihr Auftritt. Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden DJs als Duo unter dem Namen „arel&schaefer“ im Münchner Club „HarryKlein“ auflegen. Sie sind nervös: Ist der neue Track wirklich so gut, wie man sich ihn vorgestellt hat? Wird er gut beim Publikum ankommen? „In zehn Sekunden geht’s los“, ruft ein Techniker den beiden zu. Noch ein kurzer Line-Check, dann geht es los. Doch von Gästen keine Spur. Dafür sind mehrere Kameras auf die DJs gerichtet und übertragen den Auftritt live auf die Bildschirme von interessierten Zuschauern.

 

Es ist besser als nichts und trotzdem irgendwie befremdlich. Dennoch: Mit einem Streaming-Angebot konterte der House und Techno Club „Harry Klein“ auf die Corona-Beschränkungen. Kultur am Leben erhalten – wenn auch nur digital. Das ist das Ansinnen der Club-Betreiber. „Für uns war das natürlich erst einmal schockierend. Wir haben aber dann sofort reagiert und bereits am 18. März 2020 den ersten Livestream gesendet“, sagt der Geschäftsführer Peter Fleming. Doch die Umstellung im Kopf, jetzt etwas anderes zu machen, war für ihn besonders herausfordernd.

 

Mit dem Beginn des ersten Lockdowns am 22. März 2020, war für die Kulturveranstalter klar, dass es nicht wie gewohnt weitergehen konnte. Anfangs waren zwar Veranstaltungen mit klarem Hygienekonzept noch möglich, doch ab dem 2. November 2020 mussten alle Kulturhäuser endgültig ihre Tore und Türen schließen. Allein im Raum München waren davon über 40 Theater, 70 Museen und knapp 80 Kinosäle betroffen. Dazu kamen noch viele Clubs, Literaturhäuser und weitere Veranstalter im Kulturbereich. Dies hatte weitreichende Konsequenzen: Bereits geplante Veranstaltungen mussten rückabgewickelt werden. Ohne Besucher gab es keine Ticketeinnahmen. Schauspieler, Künstler und Mitarbeiter konnten nur bedingt oder gar nicht mehr beschäftigt werden. Es schien fast so, als wäre die Kultur zum Stillstand gezwungen worden. Erschwerend hinzu kam die Frage: Wie lange soll dieser Zustand anhalten? Wann dürfen wir wieder öffnen. Viele Kulturstätten suchten daraufhin nach neuen Möglichkeiten ihr Angebot aufrechtzuerhalten. Dies führte zu einem regelrechten Boom an digitalen Kulturangeboten.


„arel&schaefer“ während ihres Auftritts. Credit: Niesen, Rüter, Weber

 

Ähnlich ging es auch dem „Galli Theater“ in München. Vor der Pandemie setzte man auf herkömmliche Veranstaltungen. Inzwischen hat das Theater auch ein digitales Angebot. Vor der Pandemie hätte es dieses noch nicht gegeben. Man habe es mehr aus der Not heraus entwickelt. Doch der Weg dorthin, war für die Betreiber nicht einfach. „Wir sind ein sehr kleines Theater“, sagt Michael Wenk, Leiter des „Galli Theater“ in München. „Normalerweise haben wir fünf Vorstellungen pro Woche. Inzwischen streamen wir regelmäßig Samstagabend und Sonntagnachmittag.“ Für Wenk und das Team des Theaters war das Umschwenken auf ein digitales Angebot mit Herausforderungen verknüpft. Zum einen sich „in ein fremdes Gebiet einarbeiten“ und zum anderen „sehr viel Geld in die Hand nehmen zu müssen“, sagt Wenk. Trotzdem sei es für ihn wichtig, auch in diesen schwierigen Zeiten Kultur anbieten zu können. „Ich glaube, dass der Mensch ein Kulturwesen ist, der durch Kunst seine Wirklichkeit reflektiert, abbildet und widerspiegelt. Gerade in solchen Zeiten der Isolation, der Zergliederung bildet Kultur eine starke Brücke, um die Menschen zusammenzuhalten“. Die Streams bietet das „Galli Theater“ bisher kostenlos an. Finanziert wird das Projekt hauptsächlich durch Spenden. Ein Großteil der fixen Kosten wurde durch das Spielstätten- und Veranstalterprogramm des Freistaates Bayern übernommen.

 

Weil viele Kulturstätten auf Förderungen angewiesen waren, um überhaupt ein digitales Angebot schaffen zu können, brachte die Beauftrage der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, das Zukunfts- und Rettungsprogramm „NeuStartKultur“ auf den Weg. Dieses soll die Notlage im Kulturbereich abfedern. Insgesamt zwei Milliarden Euro wurden dafür an Fördermitteln zur Verfügung gestellt. Damit möchte man sicherstellen, dass Kulturschaffende ihre Arbeit wiederaufnehmen können und vor allem kleinere und mittlere privatfinanzierte Unternehmen unterstützt werden. Auch der Club „HarryKlein“ hätte ohne diese Förderung das Streaming-Angebot nicht finanzieren können.

Die Tanzfläche ist jetzt ein Studio für Live-Streams. Credit: Niesen, Rüter, Weber

Trotz der zahlreichen Hürden sehen Kulturbetriebe in der digitalen Aufrüstung auch Vorteile. Durch die neuen Formate erreichen sie mehr Menschen, auch international. Zudem lassen sich produzierte Videos abspeichern und sind damit immer abrufbar. Und auch, wenn es eine echte Veranstaltung nicht ersetzen wird: vom Publikum erhalten die Veranstalter überwiegend positives Feedback. Doch die meisten vermissen den direkten und engen Kontakt mit den Gästen. Die ersehnten schrittweisen Lockerungen machen es wieder möglich. Für viele ist dennoch klar, dass sie die digitalen Angebote weiterhin anbieten wollen.

Die Regie für die Live-Streams in Münchens Club "Harry Klein". Credit: Niesen, Rüter, Weber

Im „HarryKlein“ bereiten sich Markus und Gerrit auf den finalen Track vor. Die vielleicht wichtigsten Minuten vom gesamten Auftritt, denn: „Das Publikum erinnert sich ans letzte Gefühl“, sagt Markus. Das Duo „arel&schaefer“ gibt deshalb nochmal alles. Und dann ist es auch schon vorbei. Die Kameras gehen aus, die Live-Übertragung ist zu Ende. Kein Applaus, kein Jubel. Was unter normalen Bedingungen für einen Künstler wohl eine Katastrophe wäre, ist bei einem Streaming-Auftritt nichts Außergewöhnliches. Wie es den Zuschauern wohl gefallen hat? Das ersehnte Feedback holen sich die Künstler, über die Kommentarspalte der Social-Media-Kanäle. Für Markus war es bereits der dritte digitale Auftritt. Und auch, wenn ihm die direkte Interaktion mit dem Publikum fehlt: Er ist froh über die Möglichkeit, weiterhin auflegen zu können.

 
 

 
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