Lasset die Spiele beginnen...

Reportage über das Glücksspiel mit einer Kasino-App
Das Spiel mit dem Glück boomt. Nicht nur in Kasinos, sondern auch in virtuellen Welten wird gezockt. Dabei können die Nutzer oftmals gar nichts gewinnen, sehr wohl aber reales Geld verlieren. Was macht den Reiz dieser Spiele aus? Im Selbstversuch probiere ich als Online-Glücksspielerin der Freeware "Huuuge Casino", eine Antwort zu finden und lerne ganz neue Seiten an mir kennen.

Schweißperlen stehen dem rundlichen Mann neben mir auf der Stirn. Sein Jackett sitzt eng und sein dunkler Oberlippenbart wirkt gepflegt. Er atmet schwer als er seine Geldscheine in den Automaten steckt. Achtlos, schlampig, schnell. Es sind 50-Euroscheine. Fünf, sechs, sieben Stück. Vielleicht auch mehr. Kurz darauf ist der Platz neben mir leer. Die Slots aber rotieren, sein Guthaben schmilzt dahin. Ich drehe mich verwirrt um, auf der Suche nach meinem Mitspieler. Der Herr im zu eng sitzenden Jackett ist bereits zum nächsten Automaten geeilt. Dort wiederholt sich der Vorgang.

Wenn Slotmaschinen zur Schuldenfalle werden...

Als ich an diesem Abend das Kasino mit meinen Freunden verlasse, bin ich nachdenklicher als sonst. Ich wundere mich über das Spielverhalten einiger Kasinobesucher. Ich hätte sie gerne gefragt, ob Geld für sie überhaupt noch einen Wert hat oder sie es schlichtweg im Überfluss besitzen. Was empfinden sie dabei, wenn sie spielen? Warum stecken sie so viele Scheine in einen Automaten oder knallen achtlos Plastikjetons auf den Roulettetisch, wo doch am Ende des Abends immer „das Haus gewinnt“? Und wann wird aus dem Spaß eines Glücksspiels eigentlich Sucht? Ich verzichte darauf, jemanden anzusprechen und bedaure, dass ich selbst 20 Euro verspielt habe.

 

 

INFO: SPIELSUCHT IN DEUTSCHLAND

Der Psychiater Dr. Lothar Franz, ärztlicher Leiter der Bezirksklinik Rehau, schätzt, dass etwa 200.000 Menschen in Deutschland unter dem krankhaften Zwang leiden, zu spielen. Angebote in Kasinos, Spielhallen oder im Internet gibt es heute mehr denn je. Laut einer Statistik der bayerischen Landesstelle für Glücksspielsucht ist die Zahl der aufgestellten Automaten beispielsweise im Raum Oberfranken von 232 Stück im Jahr 1998 auf 859 im Jahr 2010 gestiegen. Zu Dr. Franz in klinische Behandlung begeben sich aus freien Stücken jedes Jahr zwischen zehn bis 20 Personen. Im Interview erklärt er: "Die Heilungschancen sind genauso groß wie bei stoffgebundenen Drogenkrankheiten: Nach einer Therapie von drei bis vier Monaten sind 50 Prozent der Patienten ein Jahr lang frei von Rückfällen, 40 Prozent der geheilten Spielsüchtigen bleiben auch die nächsten vier Jahre nach Behandlung 'clean'." (Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen)

SELBSTVERSUCH GLÜCKSSPIEL

Noch am selben Abend beschließe ich, mir eine Glücksspiel-App aufs Handy zu laden und meine Fragen im Selbstversuch mit virtuellem Spielgeld zu beantworten. Meine Freundin Kathrin, der ich am nächsten Tag davon erzähle, warnt mich. Sie war selbst für mehrere Jahre abhängig, hat es aber mit Hilfe ihrer Familie und Therapeuten aus der Sucht herausgeschafft. Wir haben lange nicht darüber gesprochen, weil ich keine alten Wunden aufreissen wollte. Und überhaupt finde ich das Ganze gar nicht vergleichbar, Onlinefreeware und real existierende Kasinos. „Ach papperlapapp“, sage ich deshalb zu ihr. „Das ist doch kein richtiges Glücksspiel. Das ist doch nur für meinen Selbstversuch, eine Art Light-Version Glücksspiel.“

Das Angebot auf dem App-Markt ist groß: Vom Slotautomaten über Pokertische bis hin zu kompletten Kasinospielapps gibt es alles. Ich entscheide mich für die „free-to-play“ Kasino-App von „Huuuge Casino“. Weil mir das Logo gefällt. Und weil der Name „Huuuge“ große Gewinne suggeriert. Nach der Installation sehe ich mich in meiner neuen App um. Es gibt 78 verschiedene Slots, sechs Texas Hold’em Pokertische und Roulette-Spiele sowie die Möglichkeit Blackjack, Pachislo oder Baccarat zu spielen. Von Letzterem habe ich noch nie gehört. Mein Guthaben beträgt 500.000 Coins. Ich weiß nicht, ob das viel ist oder nicht. In der Realität würde ich mir wohl das Geld nehmen und ein Haus davon bauen oder eine Reise unternehmen. Auf jeden Fall nicht damit spielen. Ich kann kein richtiges Geld gewinnen, aber „Fame“-Punkte. Diese befördern mich in das nächst höhere Level. Richtiges Geld einzahlen hingegen kann ich schon, um mir neue Coins zu besorgen. Ich frage mich, wer so etwas Sinnfreies tut – Geld für ein Glücksspiel auszugeben, bei dem ich noch nicht einmal richtig gewinnen kann.

 

INFO: ONLINE-GLÜCKSSPIEL – RECHTLICHE GRUNDLAGEN

In Deutschland gibt es einen Glücksspielstaatsvertrag. Danach sind Online-Glücksspiele verboten, auch die Teilnahme an Spielen ausländischer Anbieter ist strafbar. Der Zugang zu diesen Seiten ist für die Nutzer jedoch frei.

Laut §284 Strafgesetzbuch (StGB) handelt es sich bei einem Spiel um ein Glücksspiel, wenn

  • die Beteiligung an dem Spiel gegen einen nicht ganz unerheblichen Einsatz erfolgt und
  • ein ungewisses Ereignis, das nicht wesentlich von der Geschicklichkeit der Spieler, sondern vom Zufall abhängt, über den Ausgang des Spiels entscheidet und
  • um einen geldwerten Gewinn gespielt wird.  

Die Kasino-App von „Huuuge“ fällt nicht in die Kategorie „Glücksspiel“ und kann deshalb auf dem App-Markt angeboten werden.

LASSET DIE SPIELE BEGINNEN...

Ich versuche mein Glück an einem einarmigen Banditen namens „Magic Forrest“ und lerne allerlei mystische Wesen kennen: Waldelfen, Gnome, Trolle, Könige und einen Bogenschützen. Er bringt besonders hohe Gewinne, denn er ist eine Art Joker. Außerdem gibt es „free Spins“, also kostenlose Drehungen, zu gewinnen, wenn drei Schatztruhen zur gleichen Zeit aufleuchten. Alle dreißig Minuten bekomme ich 10.000 an neuem Spielgeld, vorausgesetzt, ich drücke den richtigen Button. Die ersten Runden bin ich aufgeregt, als ich den „Spin“-Knopf ("Drehung") betätige und Gewinne aufleuchten.

Nach zwei Stunden nerven mich die Waldelfen mit ihren Sprüchen und die mystische Musik. Ich schalte den Spielsound aus. Ich merke, wie mein Blick an den rotierenden Slots verharrt und ich auf „12 Free Spins“ oder den Bogenschützen hoffe. Mittlerweile habe ich auf „Autospin“ umgeschaltet. Ich muss nicht mal mehr auf mein Smartphone drücken, um am Spiel teilzunehmen. Alles, was ich tue, ist auf den Bildschirm zu starren. Tatsächlich taucht der Bogenschütze immer häufiger auf. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich nicht mehr auf die Zeit achte. Mein Handy hängt mittlerweile am Ladekabel und ich gebannt am Internetautomaten.

 

In den Spielsound reinhören...

 

LÄUFT...

Nach zwei Tagen habe ich mir ein kleines Vermögen aufgebaut. Mein Spielavatar befindet sich bereits in Level 31. Ein gutes Gefühl. Den Bogenschützen habe ich liebgewonnen. Wenn er auf meinem Bildschirm erscheint, verspüre ich ein Gefühl der Glückseligkeit – denn der blonde Robin-Hood-Verschnitt bedeutet Gewinn.

Der Bogenschütze (Joker) taucht auf
(Quelle: Screenshot des Spiels "Huuuge Casino")

 

 

 

 

Meine Freundin Kathrin erkundigt sich innerhalb der ersten zwei Tage nur einmal nach meiner neuen App. Ich höre sie am anderen Ende des Hörers seufzend sagen: „Du kannst dabei nicht gewinnen. Hör lieber auf damit. Auch wenn es nur Spielgeld ist. Glücksspiel ist kein Spaß und schon gar kein Glück!“ Ich ignoriere ihre Worte, auch weil ich immer noch überzeugt bin, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen echtem und virtuellem Glücksspiel gibt. Ich gebe schließlich kein Geld dafür aus.

Nach weiteren zwei Tagen kommen die ersten Gruppenanfragen. Mein virtuelles Ich befindet sich mittlerweile in Level 75. Das bedeutet, ich habe mich qualifiziert, gemeinsam mit anderen Spielern in Teams zu zocken. Es gibt etwa 50.000 davon. Insgesamt haben bis zu 10 Millionen Menschen die App von Huuuge installiert. In meiner Gruppe befinden sich neben Europäern auch Amerikaner, Asiaten und Afrikaner. Es scheint, als würde die ganze Welt an diesem Spiel teilnehmen.

 

DIE ERSTE PLEITE...

Am fünften Tag bin ich zum ersten Mal pleite. Mein Spielgeld ist aufgebraucht, weil ich immer höhere Einsätze gewagt habe. Ich war mir sicher, dass ich weiterhin gewinnen würde. Jeden Tag habe ich ungefähr fünf Stunden mit meiner neuen Lieblingsapp verbracht, die verschiedensten Spiele ausprobiert und mich mit anderen Nutzern ausgetauscht. Jeder glaubte ganz genau zu wissen, in welchem Slot oder an welchem Tisch es die meisten Jackpots abzuräumen gibt. Mir haben diese Tipps die erste Pleite eingebracht, und Schlafentzug. Weil ich am Abend immer nur mal „schnell“ noch eine Runde spielen wollte und dann für mehrere Stunden daran hängen geblieben bin.

Ich überlege, was ich tun soll. Auf die nächsten „free-coins“ warten und alle dreißig Minuten den Button dafür drücken? Oder doch ein Paket für 5,31 Euro oder mehr kaufen? Ich muss an Kathrin denken, die ich seit drei Tagen nicht mehr gesprochen habe. Ich vertage deshalb die Entscheidung und beginne stattdessen, über mein Spielverhalten nachzudenken. Ich versuche zu rekapitulieren, wie viele Stunden ich mittlerweile mit der App verbracht habe. Ich kann es nicht sagen. Abhängig fühle ich mich nicht. Immerhin spiele ich ja gerade nicht und mein Verlangen danach ist kontrollierbar. Denke ich. Gut, der Bogenschützen taucht immer mal wieder vor meinem inneren Auge auf, aber ich widerstehe dem Drang und etwaigen Sonderangeboten, mir für echtes Geld neue Spielchips zu kaufen.

Sonderangebot für "nur" 106,29 €
(Quelle: Screenshot des Spiels "Huuuge Casino")

 

 

 

 

 

DAS ERWACHEN...

Am nächsten Tag kann ich nicht mehr anders. Ich tue etwas, womit ich vor einer Woche selbst nicht gerechnet habe. Allen weisen Worten zum Trotz beschaffe ich mir neues Vermögen. Die „free-coin“-Geschichte dauert mir zu lange, und so erwerbe ich für 9,90 Euro 28 Millionen Coins. Bevor ich die Daten meiner Kreditkarte eingebe, zögere ich nur kurz: „Was soll’s?“, sage ich mir. „Es sind doch nur zehn Euro.“ Den „Kauf bestätigen“-Knopf zu drücken, geht dann schon leichter von der Hand. Auf meinem Display erscheint mein neues Guthaben. Yes! Weiter geht’s. Bogenschütze ich komme!

Ich fühle mich wie neu geboren. Und das Beste an meinem Kauf: Meine Mitspieler haben auch etwas davon. Sie erhalten für jeden getätigten Kauf eines Gruppenmitglieds ein paar „free coins“. Ich habe das Geld also nicht nur für mich ausgegeben.

Es dauert nur wenige Tage und ich bin erneut pleite. Und unzufrieden. Meine Einsätze sind immer waghalsiger und höher geworden. Gewinne aber bleiben aus. Ich bin sauer und lege mein Smartphone beiseite. Zehn Euro für die Tonne! Zehn Euro für die Tonne? Zum ersten Mal seit Tagen wird mir bewusst, was ich da eigentlich tue. 

Ich verschwende meine kostbare Lebenszeit und sogar in der Realität erarbeitetes Geld, für, ja, für was eigentlich? Für nichts! Denn es gibt ja nicht wirklich etwas zu gewinnen. Diese plötzliche Erkenntnis trifft mich wie ein Blitzschlag. Ich fühle mich, als hätte ich aus reiner Laune heraus ein süßes, kleines Katzenbaby im nächsten Fluss ertränkt. Ohne Sinn und Verstand, einfach so.

 

HILFE...

Ich rufe Kathrin an und erzähle ihr, was passiert ist. Sie verzichtet auf „ich habe es dir doch gesagt“-Weisheiten. Wir verabreden uns bei ihr. Also mache ich mich auf und fahre mit der U-Bahn gen Ostbahnhof. Auf dem Weg zu ihr komme ich an Wettbüros, Lotterien und Spielhallen vorbei. Nie gab es so viele davon auf meinem Weg zu Kathrins Wohnung. Nie sind sie mehr aufgefallen als an diesem Tag.

Als ich am Abend zuhause ankomme, habe ich eine App weniger auf dem Smartphone. Kathrin und ich haben sie gemeinsam gelöscht. Nachdem sie mir noch einmal von ihrer Spielsucht mit all ihren Konsequenzen erzählt hatte, ist mir erst richtig bewusst geworden, was ich eigentlich angefangen hatte: Ich hatte begonnen, mein Leben zu vernachlässigen, weil ich an der App hing, wie ein Alkoholiker an seiner Flasche. Das Spiel hatte begonnen, Einfluss auf meine Laune zu nehmen. Wenn ich gewann, war alles gut, verlor ich, war ich deprimiert.

Sicherlich, ich bin nicht in die Schuldenfalle geraten und ich habe auch keine Freundschaften verloren, weil ich rechtzeitig davon losgekommen bin. Die ersten Anzeichen für eine Spielsucht waren, zugegebenermaßen, vorhanden gewesen. Und das erschreckt mich.

 

INFO: WORAN IST SPIELSUCHT ERKENNBAR?

  • Man empfindet einen starken inneren Drang, immer wieder zu spielen.
  • Man kann nicht mehr aufhören zu spielen, sobald man damit angefangen hat.
  • Man jagt dem nächsten Gewinn nach, um Verluste auszugleichen.
  • Freunde, Familie, das soziale Umfeld oder der Beruf werden vernachlässigt.

Die Gefahren einer Spielsucht sollte man nicht unterschätzen. Hilfe gibt es unter: http://www.spielsucht-therapie.de/beratungsstellen/

DIE SELBSTERKENNTNIS...

Kathrin hat mich rechtzeitig daran erinnert, weshalb ich überhaupt mit dem virtuellen Zocken begonnen habe. Ich sehe vor mir den dicken Mann im Jackett im Kasino, der die Spielautomaten nur so mit 50-Euro-Scheinen fütterte. Er war der Auslöser für mich, Glücksspiele und die Sucht danach einmal zu hinterfragen. Mein Selbstversuch ist gelungen, auch wenn es sich für mich so anfühlt, als sei ich gründlich gescheitert. Ich kann den Reiz des Spieles nun nachvollziehen. Mir ist klargeworden, dass Spielen eine Sucht wie jede andere ist, eine Krankheit sogar, gefährlich und heimtückisch.

Bevor ich an diesem Abend schlafen gehe, frage ich mich, was wohl aus dem Mann im Kasino geworden ist. Ich weiß nichts über ihn oder sein Spielverhalten. Nur das, was ich beobachten konnte. Ich bedauere ihn aufrichtig.

 

*Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Namen der beteiligten Personen und Lokalitäten wurden geändert.

 
Huuuge Casino - Der Bogenschütze und "Heilsbringer" taucht auf (Quelle: Screenshot des Spiels "Huuuge Casino")
 

 
Redaktion

 

 
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