Mein Jahr mit Kevin

Wie aus Balu und Mogli Freunde werden
Balu? Ja genau. Eher bekannt aus dem Dschungelbuch ist hier die Mentorentätigkeit im Seminar „Balu und Du – Life-Skills Mentoring für Kinder“ gemeint. Im Rahmen der "Studium plus" - Verpflichtung kann sich jeder für dieses Projekt entscheiden und so die zwei benötigten Pflichtseminare wie auch das Training mit nur einem Kurs ableisten. Aber was ist „Balu und Du“ eigentlich? Ein Nebenjob als Kinderbetreuer oder als kostenloser Nachhilfelehrer? Nein. Als Mentor ist man Freund und Bezugsperson zugleich für das anvertraute Kind, den sogenannten Mogli.

Kennengelernt habe ich das Programm schon an der Offizierschule. Was genau dahinter steckt, wusste ich nicht. Dennoch gefiel mir die Grundidee. Und so habe ich mich im November 2015 beworben. Zuerst musste ich einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen und alle möglichen Angaben zu meiner Person machen. Was auch Sinn ergibt. Schließlich soll das Kind ja auch in etwa zu mir passen. Denn die Idee des Projekts ist es, sich ein Jahr lang jede Woche mit einem fremden Kind zu treffen und zusammen die unterschiedlichsten Dinge zu unternehmen - und wenn es nur ein Ausflug auf den Bolzplatz ist.

Januar 2016. Endlich das erste Treffen mit meinem Mogli - bei einem Kick-Off Abend an einer Grundschule. Wir, die neuen Balus, warteten bereits im Klassenraum als die Kinder durch die Tür kamen. Bisher wussten wir eigentlich nur den Namen und kannten die Hobbys unseres Moglis. Dann war er da, der große Moment: Wir sollten uns zum ersten Mal persönlich kennenlernen. Die Moglis schlossen die Augen und die Balus knieten sich vor die Kinder. Als die Acht- bis Zehnjährigen die Augen wieder öffneten, sahen sie direkt in das Gesicht der Person, die sich ein Jahr lang um sie kümmern würde. Mein Mogli grinste mich an: „Ich und Du also“.

 

Es geht los

 

Schon im ersten Gespräch fiel mir auf, dass sich mein Kind, Kevin, schnell ablenken ließ. Kevin hat noch drei Geschwister. Er ist der Jüngste und der einzige Junge. Sicher nicht immer einfach. Beide Eltern müssen arbeiten, denn das Leben in München ist teuer. Kevin fühlte sich daher oft allein.

An unserem ersten Abend hatten wir noch Zeit, uns ein bisschen zu unterhalten und zu erfahren, wie der andere so tickt. Nun wusste ich ungefähr, wen ich da ein Jahr lang begleiten sollte.

Die "Balu und Du" - Faustformel:

  • ein Kind,
  • einmal in der Woche,
  • für ein bis drei Stunden,
  • für mindestens ein Jahr.

"Balu und Du" ist ein bundesweites Mentorenprogramm, das seit 2002 bereits über 8.500 Balus und Moglis zusammengebracht hat.

Junge, engagierte Leute übernehmen ehrenamtlich für mindestens ein Jahr eine individuelle Patenschaft für ein Kind.

Sie helfen ihm durch persönliche Zugewandtheit und aktive Freizeitgestaltung, sich in unserer Gesellschaft zu entwickeln und zu lernen, wie man die Herausforderungen des Alltags erfolgreich meistern kann.

Wie die beiden Freunde aus dem Dschungelbuch kommen sie aus unterschiedlichen Welten. Und doch werden sie schnell Freunde und lernen sehr viel voneinander.

Die Balus werden dabei von qualifizierten Fachkräften angeleitet, die den Paten jederzeit mit gutem Rat zur Seite stehen. LehrerInnen an den Grundschulen können Kinder, die besonderer Fürsorge bedürfen, für das Balu und Du-Programm empfehlen.

 

Kreativität ist hilfreich, ein Plan B auch

 

Zwei Tage nach dem Kick-Off-Abend stand das erste Treffen an. Um Kevin ein Gefühl der Sicherheit zu geben, besuchte ich ihn zu Hause. Auch sein Vater war dabei und fragte mich zunächst aus, was ich gut verstehen konnte. Immerhin gab er seinen einzigen Sohn in die Obhut eines fremden Mannes. Nach dem „Verhör“ schnappte sich Kevin einen Ball und wir zogen gemeinsam zum Bolzplatz. Fußball – sein Lieblingssport. Gott sei Dank, das passte schon einmal!

Abends lud mich die Familie zum Essen ein – eine gute Gelegenheit, um auch den Rest der Familie kennenzulernen und ein schöner Start in ein aufregendes, gemeinsames Jahr.

Jede Woche ein Treffen – da ist auch Kreativität gefragt. Ich konnte ja nicht jedes Mal mit Kevin Bolzen gehen. München und das Umland haben viel zu bieten: Airhop, Museen, Kinos, Schwimmbäder. Aber es gibt einen Haken. Als Balu hatte ich im Monat einen Betrag von nur 15 Euro für die Ausflüge zur Verfügung. Schließlich sollte ich Kevin auch beibringen, wie man mit Geld umgeht.

Der Neunjährige ist ein großer Fan des PEP – Einkaufscenters. Zum einen, weil seine Mutter dort arbeitet und zum anderen, weil es dort so viele Läden gibt und man alles Mögliche kaufen kann. Gut, mit 15 Euro kommt man auch im PEP nicht weit. Trotzdem machten wir bei unserem nächsten Treffen einen Abstecher dorthin. Wir wollten ein Tagebuch besorgen, um darin unsere gemeinsamen Erlebnisse festzuhalten. Bei einem kalten Kakao nach unserem Bummel durch die Einkaufsmeile fragte ich ihn, was er gern einmal mit mir unternehmen möchte. „Sea Life“- kam es wie aus der Pistole geschossen. Der Plan für die nächste Woche stand also.

 

Die Beziehung muss gestärkt werden

 

Der Grundstein war gelegt. Doch nach zwei Treffen schien ich Kevin trotzdem noch nicht sehr vertraut. Die Autofahrt zum Großaquarium „Sea Life“ nutzte ich also, um mal in Ruhe mit ihm zu sprechen. Doch die Strategie ging nicht auf. Viel erzählte er nicht, außer dass er Hausaufgaben doof fand. Das war die erste richtige Lektion, die ich lernte. Vertrauen aufzubauen, das braucht Zeit und Geduld. Mit zwei netten Treffen hatte ich das noch lange nicht geschafft.

Im "Sea Life" drückte ich ihm den Plan des Aquariums in die Hand. Er sollte uns durch die verschiedenen Räume führen. Eine Aufgabe, die ihm sichtlich Spaß machte, auch, weil wir so alle seine Lieblingsfische sehen konnten.

Die darauffolgenden Wochen ging es zum Minigolf, ins Kino oder in den Wald. Je nachdem, was sich gerade anbot oder was mir einfiel bzw. das Budget hergab.

Mit der Zeit wuchs das Vertrauen. Einen Schlüsselmoment hatten wir an einem Nachmittag im Schwimmbad. Wir spielten gerade und alles wirkte locker, unbefangen. Als wir kurz Pause machten, erzählte er mir plötzlich was ihn bedrückte: die Verhältnisse zu Hause. Ganz offen berichtete er mir von den Streitereien zwischen seinen Eltern und davon, dass er nur wenig Zeit mit Mama und Papa verbringen konnte. Wie sollte ich darauf am besten reagieren? Kopf hoch, das wird schon? Für mich war das einer der schwersten Momente. Ich sagte ihm, dass er keine Schuld an der schwierigen Situation zu Hause habe und versuchte, ihn aufzumuntern und von den belastenden Gedanken abzulenken.

Über die Monate haben wir eine enge Bindung zueinander aufgebaut. Nicht immer war es einfach, manchmal war er auch ziemlich frech. Dennoch war es immer schön, etwas mit ihm zu unternehmen und für ihn da zu sein.

Für das letzte Treffen hatte ich etwas ganz Besonderes geplant: einen Ausflug zum Airhop – Trampolinpark. Immer wieder hatte er mir davon erzählt und war ganz aufgeregt, wenn er mir den Trampolinpark beschrieb. Natürlich wusste er nichts von meinem Plan. Als er realisierte, wo wir waren, war er ganz aus dem Häuschen. Das war ein letztes Treffen ganz nach seinem Geschmack – Spaß, Spiel und jede Menge Action.

 

Was hat es mir gebracht?

 

 

Klar ist: Das Projekt kostet viel Zeit. Denn ich traf mich nicht nur regelmäßig mit Kevin, sondern ich musste auch nach jedem Ausflug eine Art Verlaufsprotokoll in Form eines Tagebuch-Eintrags verfassen und alle zwei Wochen an einem Seminar teilnehmen. Da ist Zeitmanagement gefragt. Trotzdem bereue ich es keinen Moment, ein Jahr lang ein Balu gewesen zu sein. Ich konnte Kevin nicht nur viel vermitteln, sondern auch selbst einiges lernen. Ein Jahr lang war ich für einen neunjährigen Jungen verantwortlich und habe erfahren, dass man auch mit kleinen Sachen große Freude bereiten kann.

Auf der Weihnachtsfeier, mit der das Projekt offiziell abgeschlossen wurde, hatte ich noch einmal die Gelegenheit, mich mit dem Vater auszutauschen. Er erzählte mir, dass es Kevin sehr gut getan habe, eine Bezugsperson zu haben, die nur für ihn da war. Ich erfuhr auch, dass Kevin am Anfang eigentlich keine Lust auf dieses Projekt hatte, in den letzten Monaten aber schon immer ganz aufgeregt war, wenn er wusste, dass ich ihn für einen gemeinsamen Ausflug abholen würde. Ob es so gut geklappt hätte, wenn ich direkt mit einem Kracher wie Airhop angefangen hätte, weiß ich nicht.

Hilfreich waren auch die Seminare, bei denen wir Balus uns über die Treffen mit den Kindern austauschen konnten und von unserer Koordinatorin Tipps für die Beziehungsarbeit bekommen haben.

Obwohl ich kein offizieller Balu mehr bin, habe ich noch Kontakt zu Kevin. Er sieht mich mittlerweile als Freund an, umgekehrt ist es genauso. Ich weiß nicht, ob ich viel zu einer positiven Entwicklung beitragen konnte. Aber ich weiß, wir hatten eine gute Zeit zusammen. Er lachte viel, tollte herum, umarmte mich auch hin und wieder. Jedes Treffen gab auch mir ein gutes Gefühl, da ich ihm mit unseren Treffen immer wieder eine Freude machen konnte.

Ich bin sehr gespannt, wie er sich entwickeln wird und ob ich weiter ein Teil seines Lebens bleiben werde. Mein Jahr als Balu war eine wirklich gute Sache. Auf die Frage, ob ich es noch einmal machen würde, würde die Antwort stets „Ja“ lauten.

 
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Kuchenpause im Umweltgarten Neubiberg / Foto: D. Schmidt
Kuchenpause im Umweltgarten Neubiberg / Foto: D. Schmidt
 

 
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