Nicht über den Löffel barbiert

Lohnt es sich für Soldaten zum Herrenfriseur zu gehen, um den Bart vorschriftsmäßig gepflegt zu halten? Unser X-media campus-Reporter Mirko Bottler hat einen Kameraden zum Barbier begleitet.

 

Marc Pieprzyk, von Beruf Zeitsoldat, gehört seit rund zwei Jahren zu den Bartträgern. Vor seinem ersten Besuch bei einem Herrenfriseur hat er sich über die Leistungen und Preise der Angebote von nahegelegenen Barbierdiensten über das Internet informiert. Dabei stellt Marc auch fest: Die Zahl der Herrenfriseure steigt. Nachdem er sich für einen entschieden hat, steht er jetzt an einem Donnerstag in einem dieser Salons in Ottobrunn.

 

Der erste Eindruck vor Ort

Die Ziegelsteinwand und die dunklen Möbel lassen den Laden sehr rustikal und männlich wirken. Marc wird von einem der freundlichen und gut gelaunten Mitarbeitern empfangen: "Guten Tag! Bitte nehmen Sie Platz. Der Kollege wird Sie gleich bedienen. Überlegen Sie sich doch schon mal, was wir für Sie heute tun dürfen."

Nicht nur das Haareschneiden wird hier angeboten, sondern zum Beispiel auch eine Komplettrasur oder das Trimmen von kurzen und langen Bärten.Dazu stehen auch Komplettpakete zur Auswahl, die zum Beispiel das Schneiden der Haare, die Rasur und die Behandlung mit verschiedenen Pflegeprodukten enthalten. Beratung inklusive. Marc weiß nicht, was er nehmen soll.

 

Eine große, vielfältige Auswahl an angebotenen Serviceleistungen macht die Wahl trotz vorheriger Recherche nicht einfach. (Foto: Mirko Bottler)

 

"Was empfehlen Sie mir?", fragt Marc den Friseur und Barbier Agid Bari*, der für Marc zuständig ist. Agid rät ihm zum "vollen" Pflegeprogramm und sagt: "Sie werden von der Leistung nicht enttäuscht sein. Ich habe viele Soldaten als Kunden und durch die veränderte Mode steht nicht mehr nur die Frisur im Vordergrund." Auch wenn der Preis in Höhe von 22 Euro im Vergleich zur kostenlosen Selbst-Behandlung zu Hause etwas abschreckend wirkt, siegt doch Marcs Neugierde.

 

Die Bartbehandlung kann losgehen

Seit Dezember 2017 bietet der Friseursalon in Ottobrunn auch die arabischen Haar- und Kopfrituale eines Barbiers an. Dazu wird nicht nur der Bart bearbeitet. Bevor es zu der eigentlichen Behandlung der Gesichtsbehaarung kommt, wird erstmal der Übergang der Frisur zum Bart passend geschnitten. Danach trimmt Agid den Bart auf die gewünschte Länge. Jedes Haar muss passen, egal, ob an den Wangen, am Kinn oder über dem Mund. Der Friseur nimmt seine Arbeit sehr genau.

 

Nach dem Trimmen mit dem Elektrorasierer ist kein Haar mehr zu lang. (Foto: Mirko Bottler)

Um den Bart leichter weiter bearbeiten zu können, legt der Barbier warme Kompressen auf Marcs Gesicht. "Das ist sehr angenehm, ich könnte glatt einschlafen", sagt Marc während er ganz still auf dem nach unten geklappten Stuhl liegt. Agid Bari bereitet unterdessen die weitere Behandlung vor. Er stellt sorgfältig ein Tablett mit Pinsel, Rasierschaum, warmem Wasser und verschiedenen Pflegeprodukten zusammen.

 

Ordentlich aufgereiht stehen die Pflegeprodukte für die weitere Gesichts- und Bartbehandlung bereit. (Foto: Mirko Bottler)

 

 

Nach fünf Minuten Einweichzeit pinselt Agid den Bart mit Rasierschaum ein, um anschließend mit der neuen und frischen Klinge die Konturen zu säubern. "Trotz der sehr scharfen Rasiermesser habe ich noch nie jemanden geschnitten oder verletzt", beteuert er. Seit sechs Jahren arbeitet er als ausgelernter Friseur.

 

Das Erlernen der Handwerkskunst ist nicht einfach

In Deutschland ist die Barbiertätigkeit kein eigenständiger Beruf und fällt unter das Aufgabenfeld eines Friseurs. In speziellen Lehrgängen erlernt man die Fertigkeiten, die zur männlichen Gesichts- und Bartpflege notwendig sind. In seiner Heimat Syrien sei es schon immer üblich gewesen, dass der Herrenfriseur auch die Bärte der Männer rasiert, erzählt Agid. Das sei auch der Grund gewesen, warum er schon früh den Umgang mit solch scharfen Rasierklingen geübt habe: "Ich sollte schon als Jugendlicher einen Luftballon mit einem dieser scharfen Messer von Rasierschaum befreien, ohne den Ballon zum Platzen zu bringen. Bei den ersten Versuchen ist mir das natürlich nicht gelungen. Erst nach und nach hat es dann besser funktioniert," erinnert er sich.

 

Die Rasur bleibt nicht der letzte Akt der Behandlung

"Es fühlt sich an, als ob man mit dem Finger darüberstreicht. Man spürt die Klinge absolut gar nicht, kein Schneiden, kein Zupfen und kein Ziehen. Einfach nur ein leichtes, aber angenehmes Gleiten über die Haut", beschreibt Marc die Rasur.

 

Der Umgang mit dem scharfen Rasiermesser muss gelernt sein. Es erfordert präzises Arbeiten und höchste Konzentration. (Foto: Mirko Bottler)

 

Redewendung:Jemanden über den Löffel barbieren.

Herkunft:Früher nutzten Barbiere einen Löffel, um bei alten Männern die wegen fehlender Zähne eingefallen Gesichtspartien von innen nach außen zu drücken. Damit wollten sie die Rasur einfacher gestalten.

Heutige Bedeutung:Jemanden grob betrügen, über den Tisch ziehen.

Quelle: Wiktionary

Nachdem die Konturen fertig sind werden wieder warme Kompressen zur Beruhigung der Haut auf das Gesicht gelegt. Anschließend trägt der Herrenfriseur nacheinander Pflegemittel wie Gesichtsbalsam, Bartöl und Bartwachs auf. Einige durften sehr frisch nach Zitronen.

Nach fast einer Stunde ist die "Wellnessbehandlung für den Mann", wie der Barbier seine Dienstleistung beschreibt, zu Ende. Marc zeigt sich begeistert: "Die Behandlung war sehr angenehm und wohltuend. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden und werde definitiv wiederkommen", verabschiedet er sich beim Herausgehen. Er wurde nicht über den Löffel barbiert.

* Name geändert

 
Marcs erster Besuch beim Barbier. (Foto: Mirko Bottler)Marcs erster Besuch beim Barbier. (Foto: Mirko Bottler)
 

 
Redaktion

 

 
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