Ohne Motor, ohne Getöse, in 1000 Metern Höhe

Hanna Hofmann hat sich in Bassano ihren Traum vom Fliegen erfüllt und einen zweiwöchigen Höhenflugkurs zur Gleitschirmpilotin absolviert. Eine Reportage.

„Und aufziehen“, krächzt es durch das Funkgerät. „Anbremsen, Kontrollblick und lauf!“ Mit ruhiger, bestimmter Stimme gibt die Fluglehrerin Anweisungen. Kalte Winterluft strömt in den Gleitschirm, er erhebt sich mächtig mit seiner Spannweite von fast elf Metern. Flugschülerin Hanna Hofmann (31) hält die Bremsleinen fest im Griff. Ein kleiner Impuls an ihnen reicht aus, da verliert sie den Kontakt zur Erde und hebt ab. In Bassano, nur 70 Kilometer nördlich von Venedig, lernt Hanna in einem zweiwöchigen Höhenflugkurs das Gleitschirmfliegen.

Sicherheit und Sorgfalt stehen bei der Ausbildung im Vordergrund

Es herrscht strahlend blauer Himmel an diesem kalten Wintertag, einige Gleitschirmschüler erfüllen sich ihren Traum vom Fliegen. Sie absolvieren ihren Höhenflugkurs, bei dem sie eine praktische Ausbildung erhalten. Aber auch ein theoretischer Teil bleibt ihnen nicht erspart. Fächer wie Materialkunde, Luftrecht und Meteorologie stehen auf dem Unterrichtsplan. „Davon hängt später euer Leben ab,“ betont der Fluglehrer. Ein Start bei falschen Witterungsbedingungen könnte fatale Folgen haben und schnell zu einem sogenannten „Klapper“ führen. Das bedeutet, der Schirm fliegt nicht mehr und fällt in sich zusammen.

Kalkuliertes Risiko

„Bei ausreichend Höhe sind ‚Klapper‘ kein Problem, heutzutage sind moderne Schirme so konzipiert, dass sie sich in einer vorgegebenen Zeit von allein wieder öffnen,“ erklärt Hanna gelassen. Sie provoziert sogar bewusst „Klapper“, um sich auf unvorhersehbare Situationen vorzubereiten. Falls alle Stricke reißen, hat jeder Pilot zusätzlich einen Reservefallschirm dabei. Auch Hanna gibt zu sie sei nicht völlig sorgenfrei: „Ich finde das ist eher ein Sport für besonnene Menschen, selbst wenn optimale Bedingungen herrschen.“

Wenn Piloten über das Wetter reden, ist das kein Smalltalk

Am nächsten Tag geht es mit dem Shuttle-Service wieder zum Startplatz. Unzählige Serpentinen führen die italienische Passstraße hinauf. Der Himmel stahlblau und kahle Bäume am Straßenrand. Oberhalb der Baumgrenze angekommen, Ernüchterung. Es herrscht Nord-Föhn. Ein absolutes Tabu unter Gleitschirmfliegern. Es können unvorhergesehene Luftwirbel unterhalb des Gipfels entstehen, die den Gleitschirm binnen Sekunden zum Absturz bringen. Die für einen Laien scheinbar optimalen Bedingungen, sind in Wirklichkeit für jeden Piloten ein Alptraum. Die Wetterlage beruhigt sich erst nach drei Tagen. Die Zeit wird mit Theorieunterricht genutzt.

Endlich Fliegen

Es herrschen perfekte Schulungsbedingungen am Startplatz. Ein leichter Dunstschleier legt sich am Horizont nieder und lässt die 70 Kilometer entfernte Adria nur erahnen. Nun heißt es Gleitschirme auslegen, Leinen sortieren und rein ins Gurtzeug. Hanna ist in wenigen Minuten startklar. Mehrere Windsäcke zeigen ihr an, aus welcher Richtung der Wind gerade weht. Ein leichtes Lüftchen von vorn ist optimal. Sie wartet den richtigen Moment ab und zieht ihren Schirm erneut auf, wie der Startvorgang unter Piloten genannt wird. Ähnlich wie ein Hai schwimmen muss, um zu atmen, muss auch ein Gleitschirm eine Mindestgeschwindigkeit halten, um zu fliegen. Es muss ständig Luft in die Eintrittskante fließen, die sich vorne am Schirm befindet. Dadurch entsteht der nötige Staudruck innerhalb der Kappe. Erst dieser Effekt erlaubt es dem Schirm überhaupt seine Flügelform anzunehmen. Hanna stemmt sich gegen den Gleitschirm, eine leichte Brise von vorne unterstützt sie dabei, den erforderlichen Staudruck zu erzeugen. Imposant erhebt sich der Schirm. Nun muss sie rasch die Startgeschwindigkeit erreichen und die Bäume, die sich am Ende des Startplatzes befinden, überfliegen. Mit großen Schritten läuft sie dem Tal entgegen. Plötzlich, es reicht nur ein kurzer Zug an den Bremsleinen aus, sie hebt ab. Langsam gleitet sie dem Horizont entgegen. „Ohne Motor, ohne Getöse, nur ein leichter Fahrtwind und eine atemberaubende Aussicht, aus fast 1000 Metern Höhe. Ein absoluter Sport für Genießer. Es fühlt sich viel schöner an, als ich es mir vorgestellt habe,“ schwärmt Hanna als sie wieder gelandet ist.

Ein Sport, ein Lebensgefühl

Nach 14 Tagen Höhenflugkurs hat Hanna Hofmann alle Prüfungen erfolgreich abgelegt und hält nun ihre „A-Lizenz“, wie der Pilotenschein genannt wird, in den Händen. Sie hat auch schon eine ganz bestimmte Region ins Auge gefasst, in der sie bald Gleitschirmfliegen möchte: „Andalusien, da muss es wohl auch wunderschön sein zu fliegen und lässt sich prima mit einem Urlaub am Meer verbinden.“ So geht der zweiwöchige Höhenflugkurs mit vielen Erfahrungen und Emotionen zu Ende.

 
Start eines Gleitschirmpiloten vom Startplatz in Bassano. Foto: Max StroteStart eines Gleitschirmpiloten vom Startplatz in Bassano. Foto: Max Strote
 

 
Redaktion

 

 
Diesen Artikel...

 

 
Weitere Themen

 

 
Links zu diesem Artikel