Ein hoffnungsloser Fall? / Foto: C. Krüger
Ein hoffnungsloser Fall? / Foto: C. Krüger
 

 
Oma will ins Netz

Wenn Senioren "online" gehen oder der Versuch, einer älteren Dame Facebook näher zu bringen.

Ein hoffnungsloser Fall?  / Foto: C. KrügerEs ist ein ganz normaler Sonntagmittag. Wie es seit Jahren Tradition in meiner Familie ist, wird bei meiner Großmutter gegessen: Sauerbraten und Semmelknödel. Deftig wie immer.

Um nach dem Essen nicht sofort einzuschlafen, greife ich nach dem Handy und spiele etwas damit. Facebook! Mal sehen, was es Neues gibt. Meine Oma bringt heißen Kaffee und nimmt ebenfalls auf der Couch Platz. „Was spielst du denn schon wieder auf dem Ding da rum?“, ist das Erste, was sie sagt. „Das ist Facebook, Oma!“, antworte ich etwas gelangweilt. „Faizbuk? Was soll denn das sein.“ „FACEBOOK, Oma. Nicht FAIZBUK“, höre ich meine Mutter aus der Küche rufen.

Facebook - das 2004 gegründete Unternehmen gilt derzeit als das größte soziale Netzwerk weltweit. Ganz nach dem Motto der Gründer Mark Zuckerberg, Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin soll Facebook es Menschen ermöglichen, mit Freunden, Verwandten und anderen Personen aus dem eigenen Leben in Verbindung zu treten und Dinge mit ihnen zu teilen. Und zwar über sämtliche Grenzen hinweg. Laut Statista nutzen derzeit 1,6 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt dieses Angebot. Allein in Deutschland haben rund 27 Millionen Menschen einen Facebook-Account. Das entspricht nicht fast einem Drittel der Bevölkerung Deutschlands. Der Großteil sind Jugendliche und jungen Erwachsenen. Doch auch ältere Menschen legen sich immer öfter ein Profil bei Social-Media-Plattformen an. So sind nach Angaben von Statista 37 % der Facebook-Nutzer über 55 Jahre alt.

Auch meine Großmutter mit ihren zarten 82 Lebensjahren ist jetzt neugierig und möchte mehr über „dieses Facebook“ erfahren.

 

Oma will´s wissen

Oma Heidlearning by doing / Foto: T. Krügeri ist begeistert, als wir ihr erklären, dass man über Facebook mit Leuten in Kontakt bleiben kann, selbst mit solchen, die weit entfernt leben. Ihr verblüfftes Gesicht ist unnachahmlich, als ihr klar wird, dass man sogar mit Menschen, die auf anderen Kontinenten leben, kommunizieren kann. Oma Heidi will es also wissen und auch einen Zugang. Dazu muss erst einmal eine Profilseite erstellt werden. Jeder kann sein „virtuelles Ich“ kreieren und mit anderen teilen. Facebook ist so konzipiert, dass jeder User eine eigene Chronik besitzt, auf der er Nachrichten veröffentlichen kann. Dazu zählen nicht nur Statusmeldungen, also, was man gerade macht, wo man gerade ist oder wie man sich fühlt, sondern es können auch Bilder und Videos hochgeladen werden.

Nachdem wir Oma Heidi diese Funktionen näher gebracht haben, ist sie schier überwältigt von Facebook. „Das möchte ich auch können!“ , ist ihre begeisterte Antwort. Sie springt auf, für eine 82-Jährige erstaunlich schnell, und holt ihren Laptop. Als wir das Profil einrichten, gibt es die ersten Komplikationen. Denn Oma Heidi braucht ein Bild. Mit den Profilbildern identifiziert sich der User. Viele nutzen das zur Selbstdarstellung. Jugendliche und junge Erwachsene laden teilweise täglich neue Profilbilder von sich hoch.

Oma Heidi hingegen zieht ein altes Familienalbum hervor, blättert darin herum und findet ein Bild, auf dem sie Mitte zwanzig ist. Ich solle dies zu „Faizbuk“ schicken und sagen, dass das ihr Profilbild werden soll. Nach kurzem Gelächter stellen wir klar, dass das gar nicht nötig ist. Meine Mutter macht kurzentschlossen ein Foto mit dem Handy und lädt es hoch. Dann wird noch kurz der Seitenaufbau von Facebook erklärt und was sie damit alles machen kann. Doch getreu dem Motto „Learning by doing“ lassen wir sie schließlich allein und begeben uns auf den Heimweg. Falls sie Fragen habe, wisse sie ja, wie sie uns erreichen könne.

Der Grund, weshalb auch immer ältere Menschen Facebook nutzen, liegt vermutlich darin, dass sie den Anschluss an ihre Kinder und Enkelkinder nicht verlieren wollen. Auch der Kontakt zu alten Bekannten lässt sich durch soziale Plattformen wie Facebook leichter aufrechthalten. Weite Distanzen können spielend überwunden werden. Körperliche Einschränkungen, die es sonst schwer machen, sozial aktiv zu bleiben, stehen dem Austausch mit Freunden und Verwandten nicht mehr im Weg.

 

Nächtlicher Seniorenterror

Noch am selben Sonntag um ein Uhr nachts weckt mich das Klingeln meines Handys. Bestürzt stelle ich fest, dass das Display bereits drei verpasste Anrufe von meiner Großmutter anzeigt. Mich packt Angst und das Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, da mich um diese Uhrzeit sonst niemand anruft. Vor allem nicht meine Großmutter.

Ich rufe also sofort zurück. Entsetzt erklärt mir Oma Heidi am Telefon, dass sie einen Riesenfehler begangen hat. Nach gutem Zureden beruhigt sich meine Oma wieder und schildert mir die Situation: Sie habe bis jetzt vor dem Rechner gesessen, bei Facebook herumhantiert und dabei ohne böse Absicht Facebook gelöscht! Sie hofft, dass sie jetzt keinen Ärger bekommt und ob man das wieder rückgängig machen könne. Trotz Müdigkeit kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen und erkläre ihr, dass sie schlimmsten Fall ihren Account und nicht Facebook gelöscht hat. Sie solle morgen meine Mutter um Hilfe bitten. Jetzt aber ist es erst mal Zeit ins Bett zu gehen. Nach dem Telefonat wird mir bewusst, dass Oma Heidi fast zwölf Stunden vor dem Rechner gesessen hat, was schon fast an Sucht grenzt.

Bei Senioren ist das Nutzungsverhalten grundsätzlich anders als bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ältere Menschen besitzen oft kein Smartphone. Wenn sie ins Netz wollen, nutzen sie einen Computer oder Laptop, der natürlich nicht überallhin mitgenommen werden kann. Dafür haben Senioren mehr Freizeit und können ausgiebig im Internet surfen. Da im Alter die persönlichen Hobbys aufgrund von mangelnder Mobilität und körperlichen Einschränkungen immer weniger werden, bieten soziale Netzwerke und die neuen Medien eine Möglichkeit, trotzdem am Leben anderer Menschen teilzuhaben.

Im Fall meiner Großmutter ist das sehr ähnlich. Ihre Zeit vertreibt sie sich nun, indem sie Facebook kennenlernt und ab sofort digital ihre sozialen Kontakte pflegt, egal ob familiäre oder auch freundschaftliche.

 

Online vereint durch Oma Heidi

Als ich eine Woche später wieder zu Hause bin, konfrontiert mich meine Mutter mit dem Konsumverhalten meiner Großmutter. Sie öffnet die Profilseite von Oma Heidi und zeigte sie mir. Zu meinem Erstaunen ist die sehr anschaulich gestaltet. Aber meine Mutter klagt, dass meine Großmutter jetzt immer wieder anrufe und frage, warum meine Mutter ihre Anfrage zum Beitritt der Familiengruppe noch nicht bestätigt habe. Es stellt sich heraus, dass Oma Heidi mittlerweile täglich mehrere Stunden bei Facebook verbringt. Die anfänglichen Schwierigkeiten haben sich gelegt. Mich hat die Neugier gepackt und ich schaue mir das Profil meiner Großmutter genauer an. Tatsächlich hat es Oma Heidi geschafft, sich bei Facebook vollkommen zu integrieren und die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen. Auch auf meinem Profil erscheint jetzt die Einladung zur Familiengruppe.

Gruppen – das ist eines der am häufigsten genutzten Features von Facebook. Allein in Deutschland existierten 2015 laut Statista rund 11,7 Millionen Facebook-Gruppen. Der Zutritt kann so gestaltet werden, dass nicht jeder dieser Gruppe beitreten kann. Der Administrator der jeweiligen Gruppe, meist derjenige, der sie erstellt hat, besitzt das Recht, verschiedenen Personen den Zutritt zu gewähren oder auch zu verweigern. Dieses Feature wird nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von Firmen genutzt. In diesen Gruppen tauschen sich Kolleginnen und Kollegen aus, um beispielsweise die Arbeitsabläufe zu besprechen. Ziel der Facebook-Gründer ist es, die komplette Online-Kommunikation über Facebook laufen zu lassen. Deshalb übernahm der Social-Media-Riese 2014 auch den Messenger-Dienst „Whatsapp“. Dort existiert ein ähnliches Prinzip.

Auch Oma Heidi hat dieses Feature für sich entdeckt und ist mit ihrer Familiengruppe sehr erfolgreich. Dort tummeln sich jetzt auch viele Verwandte, die weit weg von uns wohnen und mit denen wir bisher nur selten Kontakt hatten. So hat Oma Heidi es geschafft, die Familie online wieder näher zusammenzubringen.

 

Oma hat den Dreh raus / Foto: T. KrügerOma geht live

Doch nicht nur bei der Familienzusammenführung ist Oma Heidi aktiv. Sie teilt und postet auch gern. Unter der Rubrik „Neuigkeiten“ sind immer sehr viele Beiträge meiner Großmutter zu finden. Zum Beispiel, dass sie gerade strickt oder auch ein Bild, was mich als kleines Kind zeigt. Nicht sehr glücklich darüber, kontaktiere ich meine Großmutter und mache ihr klar, dass das Hochladen von Bildern anderer Personen grundsätzlich nicht erlaubt ist. Hier greift nämlich §22 Kunsturhebergesetz, das das „Recht am eigenen Bild“ regelt.

Der Moment, an dem ich mich mit meinen 24 Jahren gegenüber meiner Großmutter alt fühle, kommt noch am selben Abend. Oma Heidi will sich noch einmal dafür entschuldigen, dass sie das Bild von mir veröffentlicht hat. Doch statt mich anzurufen oder mir eine Nachricht zu schreiben, geht sie bei Facebook „live“. Sie nimmt ein Statement auf, indem sie erklärt, dass es ihr leid tut. Dabei weist sie auch alle anderen Facebook-User daraufhin, dass es nicht rechtens ist, Bilder von anderen Personen zu veröffentlichen.

„Facebook-Live“ ist eine Funktion, bei der man ein Video auf seiner Profilseite postet, das man gerade live aufnimmt. Dieses Feature wird vor allem von Personen des öffentlichen Lebens genutzt, die interaktiv mit ihren Followern in Kontakt treten wollen. Facebook-User haben die Möglichkeit, während dieses Live-Postings Kommentare dazu zu schreiben.

Da ich diese Funktion selbst noch nicht genutzt habe bzw. komplett verstehe, war es für mich sehr überraschend, meine Großmutter live bei Facebook zu sehen. Mein Versuch Oma Heidi Facebook zu erklären, ist damit erfüllt. Mehr sogar: Sie beherrscht mittlerweile mehr Features als ich selbst. Getreu dem Motto „Never to old to learn new things“.

 
 

 
Redaktion

 

 
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