Pferde stärken

Mit Hippotherapie zu neuer Beweglichkeit
Mithilfe der Hippotherapie erleben täglich zahlreiche Patienten in ganz Deutschland die Sensation der Bewegung neu. Die besondere Wirkung der "Physiotherapie zu Pferd" verhilft Gehbehinderten zu mehr Beweglichkeit in Rumpf und Beinen und stärkt die Muskeln.

Eine scheinbar endlose grüne Wiese unter strahlend blauem Himmel ist das Reich vier ruhig grasender Pferde. Eines der Tiere hebt den Kopf zur Begrüßung, lässt sich bereitwillig von der Koppel führen, vorbei an in der Sonne blitzendem Metall. Es steht ruhig und gelassen, während geübte Hände ihm den Staub aus dem Fell bürsten und die Ausrüstung anlegen. Routine für Lucy, denn die braune Quarter Horse Stute ist kein gewöhnliches Pferd: Auf ihrem Rücken erleben Menschen, die ihr Leben im Rollstuhl verbringen, die Sensation der Bewegung neu. Das macht Lucy zwar zu einem außergewöhnlichen, aber keinem einzigartigen Tier. Genau wie sie und ihre Besitzerin, Physiotherapeutin Mascha Tinnemeyer, verhelfen eine Vielzahl von Pferden und Therapeuten in ganz Deutschland ihren Patienten mit der Hippotherapie zu neuer Beweglichkeit.

Hippotherapie – was ist das überhaupt?

Die Hippotherapie als Fachbereich des therapeutischen Reitens ist eine physiotherapeutische Maßnahme in der Neurologie. Therapiert werden angeborene und erworbene Bewegungsstörungen mit Symptomen wie Wahrnehmungs- und Koordinationsstörungen, verschiedenen Störungen der Bewegungskoordination sowie Lähmungen verschiedener Schwere. Dazu gehört auch die Erkrankung spina bifida, einer Fehlbildung der Wirbelsäule, mit der eine Rückenmarkschädigung mit Auswirkungen unterschiedlichen Schweregrads einhergeht – der Grund, warum Patientin Roswitha Bruns in ihrem Rollstuhl wöchentlich die schimmernde Metallrampe auf der Hippo-Ranch hinaufgeschoben wird. Lucy wartet geduldig, solange der 44-Jährigen in den Sattel geholfen wird. Erst dann beginnt sie sicheren Schritts die erste Runde über den Platz. Begleitet werden Patient und Therapiepferd während der gesamten 20- bis 30-minütigen Einheit von einem Pferdeführer und dem Hippotherapeuten, der stets ein geschultes Auge auf den Patienten hat.

Was bringt die Therapie?

Der Patient ist durch die ununterbrochenen Bewegungsreize, die das Pferd auf ihn überträgt, dazu gezwungen, im Rahmen seiner eigenen motorischen Fähigkeiten auf diese Impulse zu antworten, was gangtypische Reaktionen im Rumpfbereich auslöst. „Das macht ein Gangtraining möglich, ohne dass der Patient selbst gehen muss“, betont Tinnemeyer. Die Hippotherapie sei damit die einzige Therapieform, in der ein dreidimensionales Training mit bis zu 1200 Wiederholungen in nur 20 Minuten möglich sei. Die Bewegungen des Patienten auf einem Pferd seien aufgrund der beinahe identischen Schwingungsimpulse der Gangart Schritt mit dem Bewegungsablauf eines gehenden Erwachsenen die gleichen, als würde er selbst laufen. So werden die Muskelfunktionen und Bewegungsabläufe der Patienten erhalten, verbessert oder sogar neu erlernt.

Auch Roswitha Bruns profitiert enorm von der Hippotherapie und stellt erhebliche körperliche Veränderungen an sich selbst fest. „Mein Rumpf ist stabiler geworden. Ich kann mich besser bewegen und bekomme mein rechtes Bein besser hoch. Das macht das Umsetzen vom und in den Rollstuhl viel leichter“, fasst Bruns ihre Erfahrungen zusammen.

Reicht die Hippotherapie als Behandlung aus?

Trotz solch positiver Wirkung sei die Hippotherapie kein alleinstehender Ersatz für die verbreitete Physiotherapie. „Ich würde immer empfehlen, es mit normaler Krankengymnastik zu kombinieren, da dort gezielt Verkürzungen der Muskulatur behandelt werden können“, schränkt Tinnemeyer ein. Die Hippotherapie sei zwar eine sinnvolle Ergänzung zu anderen physiotherapeutischen Maßnahmen, sollte aber bestenfalls in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und herkömmlichen Physiotherapeuten erfolgen.

Vermutlich gerade diese Kombination ermöglicht Bruns den Erfolg am Ende jeder Therapiestunde: Mit tatkräftiger Unterstützung verlässt die 44-Jährige den Pferderücken und legt die letzten Meter zu ihrem Rollstuhl zu Fuß zurück. Dort wird die Therapie mit einem kurzen, kontrollierten Stehtraining abgeschlossen. „Es ist ein tolles Gefühl, dass Mascha mir helfen kann. Und der Kontakt mit Lucy tut mir gut, ich habe sie sehr gern“, schließt Bruns. Das darf auch Lucy erfahren. Sie bekommt noch eine Leckerei, bevor sie nach getaner Arbeit zurück zu ihren Freunden auf die Weide darf.

 
Trotz Rollstuhl vom Wilden Westen träumen. Foto: www.pexels.com
Trotz Rollstuhl vom Wilden Westen träumen. Foto: www.pexels.com
 

 
Redaktion

 

 
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