Soldat Koppelschloss Grundwerte Tradition„Einigkeit und Recht und Freiheit" Die Werte auf diesem Koppelschloss untermauern unser demokratisches Selbstverständnis und prägen die Tradition der Bundeswehr. Foto: Zacharias Pröll
 

 
Traditionser… um was geht es?

Rechtsradikales Gedankengut, Soldaten zeigen Hitlergruß, fragwürdige Helden als Namensgeber – herrscht ein falsches Traditionsverständnis in der Bundeswehr? Trotz bundeswehreigener Geschichte seit 1955 wird diese Frage immer wieder gestellt. In mehreren Workshops wurde nun ein Entwurf für einen neuen Traditionserlass erarbeitet. Mario Gayer und Zacharias Pröll haben Hintergründe recherchiert, Einschätzungen eingeholt und erinnern an den Beginn der Diskussion im vergangenen Jahr.

 

Im April 2017 ist Oberleutnant Franco A. während eines Einzelkämpferlehrgangs in Hammelburg festgenommen worden. Terrorverdacht. Er soll mit zwei Komplizen ein Attentat auf Politiker geplant haben. Im Dezember 2017 folgte die Anklage des Generalbundesanwalts wegen des Verdachts einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat gegen A., der sich unter anderem als syrischer Flüchtling ausgegeben hatte. Die Vorwürfe des Generalbundesanwalts lauten Besitz von Kriegswaffen und die Planung von Anschlägen. Der Fall Franco A. und die Funde von Wehrmachtsdevotionalien, die bei Durchsuchungen im Frühjahr vergangenen Jahres gemacht worden sind, haben eine Debatte über das Traditionsverständnis der Streitkräfte ausgelöst.

Spätestens im August 2017 war dann mit einer Aussage von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen klar, dass der alte Traditionserlass überholt werden muss. „Jetzt, 35 Jahre nach dem letzten Traditionserlass, ist es Zeit, uns als Bundeswehr des vereinten, demokratischen Deutschland unserer Geschichte und unserer Tradition neu zu vergewissern“, sagte Ursula von der Leyen. Seitdem wird der nach wie vor gültige Traditionserlass von 1982 überarbeitet.

 

Bedeutung von Tradition

Die drei Traditions-Säulen der Bundeswehr:

  1. Preußische Reformer des 19. Jahrhunderts
  2. Widerstand gegen den Nationalsozialismus
  3. Bundeswehreigene Geschichte seit 1955

„Tradition ist die Überlieferung von Werten und Normen.“ So lautet der erste Satz des noch aktuellen Traditionserlasses. Von der Tradition zu unterscheiden ist der Begriff Brauchtum, der eher Gewohnheiten und Förmlichkeiten wie den militärischen Gruß oder aber auch militärische Zeremonielle erfasst. Tradition soll den Soldatinnen und Soldaten helfen, berufliches Selbstverständnis zu bestimmen und sich mit ihrem militärischen Handeln zu identifizieren. Weiterhin wird durch Tradition eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft geschlagen und so Identität gesichert.

Allerdings ist die Vergangenheit in der deutschen Militärgeschichte etwas ganz Besonderes. Nach dem Ende des NS-Regimes ist die Bundeswehr die erste deutsche Armee, die sich einem Bündnissystem demokratischer Staaten angeschlossen hat und gemäß Artikel 87a des Grundgesetzes ausschließlich der Verteidigung dient. Durch die Einbindung der Bundeswehr in die demokratische Gesellschaft müssen sich auch die Tradition und die Traditionspflege auf das freiheitliche und demokratische Selbstverständnis stützen.

Geschichtlicher Abriss der Traditionserlasse:

1. Traditionserlass von 1965

Grund: Auseinandersetzungen inner- und außerhalb der Bundeswehr, in welcher Form und wozu überhaupt „überlieferungswürdige" Werte aus der deutschen Geschichte in der Truppe gepflegt und weitergegeben werden sollten. Besonders die Vorläufer der Bundeswehr, die Reichswehr und die Wehrmacht, erschienen als wenig traditionswürdig.

2. Traditionserlass von 1982

Grund: Öffentliche Debatte über das Thema „Soldat und Gesellschaft" sowie die wissenschaftliche Begründung, dass die Wehrmacht auch in Verbrechen des NS-Regimes verstrickt war und keine Tradition begründen kann.

„Tradition ist immer eine werteorientierte Auswahl, basierend auf dem Grundgesetz“, unterstreicht Militärhistoriker Oberstleutnant Dr. Helmut Hammerich. Ebenso gibt er zu bedenken, dass die Bundeswehr in den 1950er Jahren in großen Teilen von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen und deren Kriegserfahrungen aufgebaut wurde. Der Umgang damals sei deshalb auch ein ganz anderer gewesen. Das habe zu Auseinandersetzungen inner- und außerhalb der Bundeswehr sowie zum ersten Traditionserlass von 1965 geführt. 

Die heutige „ständige Angst vor der Vergangenheit“ beruht, wie Hammerich ausführt, häufig auf der Angst vor Medienskandalen, die der politischen Leitung schaden könnten und sich so wiederum auf den Umgang mit Tradition auswirken. Jedoch seien Traditionsstiftung und Traditionspflege dynamische und niemals abgeschlossene Prozesse. Traditionspflege und historische Bildung liegen als Führungsaufgabe im Verantwortungsbereich der Kommandeure und Einheitsführer. So sieht es die Innere Führung der Bundeswehr vor (Download Regelung A-2600/1). Der künftige Traditionserlass stelle die Geschichte der Bundeswehr in den Mittelpunkt, sagt Hammerich. Nach mehr als 60 Jahren biete diese genügend Anknüpfungspunkte für eine werteorientierte Auswahl.

 

Zwischen Handlungssicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten

Hier findet Ihr einige interessante Links:

  • Workshop 1, 18. August 2017, unter Leitung der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg: „Die Tradition des Bundeswehr im Kontext von europäischer Verteidigungsintensität und transatlantischer Sicherheitspartnerschaft."
  • Workshop 2, 11. und 12. September 2017, unter Leitung des Zentrums Innere Führung in Koblenz: „Welche Tradition benötigt die Bundeswehr?"
  • Workshop 3, 12. Oktober 2017, unter Leitung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam: „Kostbares Erbe oder drückende Last der Vergangenheit? Funktion und Bedeutung der älteren deutschen Militärgeschichte für die Tradition der Bundeswehr."
  • Workshop 4, 10. November 2017, unter Leitung der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin: „Bundeswehreigene Tradition: Wie bewahrt und tradiert die Bundeswehr ihr Erbe?"

Vier Workshops sind vergangenes Jahr zur Erarbeitung des neuen Traditionserlasses (hier im Entwurf) durchgeführt worden. In Hamburg, Koblenz, Potsdam und Berlin standen diese jeweils unter verschiedener Leitung (siehe Infokasten).

Leutnant Ben Dibowski hat als Vertreter des studentischen Konvents der Universität der Bundeswehr München an drei von vier Workshops teilgenommen. Er sagt, „der Traditionserlass muss nicht neu erfunden, sondern auf die heutige Zeit angepasst werden“. Die Teilnehmer an den Workshops seien zu dem Ergebnis gekommen, dass der neue Traditionserlass Handlungssicherheit, aber auch Entfaltungsmöglichkeiten bieten solle. Deshalb dürfe der neue Traditionserlass auch nicht zu konkret werden. Leutnant Dibowski fand hierzu den Vergleich eines Redners passend: „Ein Traditionserlass ist wie ein Sandkasten und benötigt eine klare linke und rechte Grenze, innerhalb dieser Grenzen soll jedoch Spielraum gewährt werden.“

Die Workshops beurteilt Dibowski insgesamt als „gut, aber durchwachsen“. Er lobte besonders den zweiten Workshop unter der Leitung des Zentrums Innere Führung in Koblenz. In diesem zweitägigen Workshop sei durch eine interaktive Gestaltung eine aktivere Beteiligung möglich gewesen. Alles in allem aber sei zu wenig Zeit für Diskussionen gewesen, sagte er im Nachhinein. Er hätte sich mehr Zeit für Diskussionen gewünscht.

 

Von links nach rechts: General Ludwig Leinhos, Inspekteur Cyber- und Informationsraum, General Volker Wieker, Generalinspekteur der Bundeswehr, Bundesministerin der Verteidigung Ursula von der Leyen und Konteradmiral Carsten Stawitzki, Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, bei der Eröffnung des ersten Workshops in Hamburg. Foto: Bundeswehr/Laura Clayborn

 

Keine Tradition ab Tag eins

Noch bevor es 2017 zum Fall Franco A. und den Diskussionen über den Traditionserlass kam, hat die Bundeswehr 2016 monatliche Grundausbildungstermine geschaffen. Diese sollen einer höheren Personalgewinnung und einer verstärkten Flexibilität dienen. Die 18 Ausbildungsunterstützungskompanien der Streitkräfte haben den Auftrag, zu diesen Terminen die „Allgemeine Grundausbildung“ durchzuführen. Den Rekrutinnen und Rekruten sollen so in elf Ausbildungswochen die Grundlagen militärischer Fertigkeiten vermittelt werden. Doch wird in dieser kurzen Zeit bereits Tradition vermittelt?

Nein, sagen die Ausbildungshinweise für die Truppenausbildung Nr. 1 (kurz AnTrA 1). Zwar werden der Eid und das Feierliche Gelöbnis unterrichtet. Beides fällt jedoch eher unter die Darstellung militärischer Rituale. „Schwerpunkt ist vielmehr die Inklusion des jungen Menschen in die soldatische Gemeinschaft und die Ausprägung wesentlicher Kenntnisse des Wach- und Sicherungssoldaten“, sagt ein leitender Offizier in der Nachwuchsausbildung, der der Redaktion von X-media campus namentlich bekannt ist, aber anonym bleiben möchte. Zwar sei es wünschenswert, Tradition frühestmöglich zu vermitteln. Jedoch seien in der Allgemeinen Grundausbildung andere Ausbildungsabschnitte vorzuziehen. Zeit, um über Tradition zu sprechen, bleibe den Ausbildern oft nur in kameradschaftlichen Gesprächen, führt der Ausbildungsoffizier weiter aus.

Es sei Leitlinie, „jungen Menschen anhand griffiger Beispiele die  Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu verdeutlichen", sagt ein Ausbildungsoffizier.

Die Diskussion um den neuen Entwurf habe er auf der Arbeitsebene als „hektische Reaktion auf breiter Front, begründet durch schlechte Kommunikation“ wahrgenommen, formuliert er seine Einschätzung. Er stellt aber auch klar, dass Tradition als Sinnstiftung und Orientierungspunkt wichtig sei. Um eine Verbesserung des alten Traditionserlasses zu erreichen, sei allerdings eine „entpersonifizierte, auf militärischen Werten und Tugenden basierende Leitlinie, die es epochenübergreifend aber kritisch ermöglicht, jungen Menschen anhand griffiger Beispiele die Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu verdeutlichen“ nötig.

 

Die Geschichte der Bundeswehr soll in den Fokus rücken

Der aktuelle Entwurf des neuen Traditionserlasses sieht in vielen Punkten eine stärkere Trennung bzw. Abgrenzung in der deutschen Militärgeschichte vor, allem voran zum NS-Regime. Im Erlass von 1982 ist der Begriff „Wehrmacht“ beispielsweise nicht zu finden. Dort heißt es: „In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.“ Der aktuelle Entwurf ist diesbezüglich konkreter: „Für die Streitkräfte eines freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht sinnstiftend. Gleiches gilt für ihre Truppenverbände, Organisationen, Militärverwaltung und den Rüstungsbereich. Die Aufnahme einzelner Angehöriger der Wehrmacht in das Traditionsgut der Bundeswehr ist dagegen grundsätzlich möglich.“

Bei Einzelfällen müssten persönliche Schuld und Vorbildcharakter „wie auf einer Waage" sorgfältig abgewogen werden, wie Helmut Hammerich ausführt.

Dabei müssten Einzelfälle hinsichtlich der Frage der persönlichen Schuld sowie einer Leistung, die vorbildlich oder sinnstiftend für die Gegenwart ist, betrachtet und „wie auf einer Waage sorgfältig abgewogen werden“, sagt Militärhistoriker Oberstleutnant Dr. Helmut Hammerich.

Die Messlatte, die etwa auch die Namensgebung für Kasernennamen einschließt, wird künftig voraussichtlich höher liegen als bislang. Generell wird im neuen Entwurf zwar die gesamte deutsche Militärgeschichte betrachtet, zu nicht traditionswürdigen Kapiteln, Ereignissen und Personen ist jedoch eine klare Trennlinie zu erkennen. Weiterhin bildet die bundeswehreigene Geschichte und die Leistungen ihrer Soldatinnen und Soldaten, zivilen Angehörigen sowie Reservistinnen und Reservisten den zentralen Bezugspunkt des neuen Entwurfs. Deshalb sollen laut Hammerich im künftigen Traditionserlass auch aktive Soldaten greifbar gemacht werden. So wurde beispielsweise bisher überhaupt nicht an Träger des Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit gedacht.

 

Wie geht es weiter?

Am 20. November 2017 hat das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) den Entwurf des neuen Traditionserlasses an verschiedene Beteiligungsgremien zur Prüfung übersendet. Die Phase der Beteiligung verschiedener Entscheidungsträger ist damit weitgehend abgeschlossen. Derzeit werden die Hinweise aus den Stellungnahmen für die Überarbeitung ausgewertet, antwortete der Presseinformationsstab des BMVg auf eine Anfrage von X-media campus. Sobald die Überarbeitung des Entwurfs abgeschlossen ist, ist eine Erörterung im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages geplant. Ein genauer Termin für die Inkraftsetzung des Entwurfs liegt noch nicht vor.

Bis zum 21. März 2018 lädt auch die Präsidentin der Universität der Bundeswehr München, Prof. Dr. Merith Niehuss, zu verschiedenen Veranstaltungen im Hinblick auf Tradition ein. „Welche Tradition für welche Bundeswehr?“ heißt die Veranstaltungsreihe, die sich an fünf Terminen mit unterschiedlichen Titeln der Auseinandersetzung mit Tradition widmet. Die genauen Termine hängen auf dem Universitätsgelände, beispielsweise in der Bibliothek aus, und finden sich auch als Terminhinweise auf der Homepage der Universität.  

 

 
Redaktion

 

 
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