Wasser marsch! Die Jugend probt den Ernstfall

Die Freiwillige Feuerwehr. 365 Tage in Alarmbereitschaft, da ist eine gute Vorbereitung alles. Ständige Anpassungen an die sich verändernden Einsatzszenarien sind enorm wichtig.
Ehrenämter sind schon längst keine Selbstverständlichkeit mehr, jeder Freiwillige zählt. Wie der Feuerwehrnachwuchs eine Übung meisterte.

Samstagvormittag: Die Sirene schrillt, der Adrenalinpegel steigt, durch den Kopf rasen die Handgriffe, die schon hunderte Male in Übungen wiederholt wurden, Emotionen werden ausgeschaltet. Der Körper handelt jetzt nur noch rational. Der Funkmeldeempfänger rauscht, die Ansage der Leitstelle gibt Auskunft über Einsatzart und Einsatzziel. Alarm für die Jugendfeuerwehr Ahrbach (Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz) und das Deutsche Rote Kreuz. Gemeldet wurde ein Großbrand eines ortsansässigen Industrieunternehmens, in dessen Hallen sich noch Arbeiter befinden.

Die ersten Feuerwehrleute treffen am Gerätehaus ein. Die Schutzausrüstung wird innerhalb weniger Sekunden angelegt, die Motoren der Feuerwehrfahrzeuge werden gestartet und das Blaulicht eingeschaltet. Die Mannschaft wartet auf weitere Anweisungen über Funk.

Der Erfolg hängt von den Kindern ab

Dann die Entwarnung: „Hier spricht die Leitstelle, Übungsalarm, ich wiederhole, Übungsalarm.“ Erleichterung macht sich breit. Die Stimme aus dem Funkgerät ist die von Benjamin Grimm. Benjamin ist einer der drei Führungskräfte der Jugendfeuerwehr Ahrbach. An diesem Vormittag übernimmt er Aufgaben der Leitstelle, ist verantwortlich für die Koordination der Wehren und den reibungslosen Übungsablauf. Benjamin ist 27 Jahre alt und seit zwei Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der Jugendabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Niederahr.

„Jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand, jetzt hängt es von den Kindern ab, wie sie das Erlernte umsetzen und auf das Übungsszenario übertragen können“, sagt Benjamin. Fünf Monate lang waren sechs Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr mit der Ausarbeitung der Übung und dem Einholen diverser Genehmigungen beschäftigt. „Wenn die Kinder nicht mitziehen und nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit an die Sache gehen, kann man planen wie man will, die Übung wird ein Reinfall.“ Eine gewisse Anspannung ist in seinem Blick zu erkennen, als die ersten Fahrzeuge am Übungsort eintreffen.

Dichter Qualm drückt sich durch einen schmalen Spalt

Routiniert steigen die ersten Kinder aus den Fahrzeugen und sammeln sich dahinter. Befehlsausgabe: Wer hat welche Aufgabe, wer benötigt welches Material, wie wird vorgegangen? Nach einem festgelegten Schema werden die Aufgaben verteilt und jeder weiß, was er zu tun hat. Hier zahlt es sich aus, bei den wöchentlichen Übungen aufgepasst zu haben. Nachdem die Wasserversorgung von den Fahrzeugen zum vermeintlichen Brandherd aufgebaut worden sind, begeben sich auch schon die ersten Feuerwehrleute in die große Lagerhalle der Firma, um nach vermissten Personen zu suchen. Beim Öffnen der Tür drückt sich der dichte Qualm durch einen schmalen Spalt.

Parallel dazu wird etwas abseits des Eingangsbereichs eine Verwundetensammelstelle eingerichtet. „Hier werden die geretteten Personen durch das Deutsche Rote Kreuz betreut und versorgt“, erläutert Benjamin. Die ersten Löscharbeiten beginnen. „Wasser marsch!“, ruft einer der Feuerwehrmänner. Sekunden später befördert die Pumpe 100 Liter Wasser pro Minute mit einem Druck von acht Bar in Richtung des Strahlrohrs. Obwohl es sich um eine Übung handelt, ist alles ganz real. Die ersten Verletzten werden aus der Halle gebracht, die geschminkten Verletzungen, kaum von echten zu unterscheiden, werden durch die Rettungskräfte versorgt.

62 Kinder und Feuerwehrleute: Jeder hat seine eigene Aufgabe

„Die vermissten Personen sind nun vollzählig, jetzt weiter den Brand bekämpfen“, ordnet Benjamin an, während der letzte Verwundete an ihm vorbeigetragen wird.

Von außen betrachtet zeigt sich sehr schnell, dass jedes Kind und alle Feuerwehrleute ihre eigene Aufgabe erfüllen, mag sie noch so klein oder unwichtig erscheinen. Nur so funktioniert ein reibungsloser Ablauf, sowohl bei Übungen als auch bei realen Einsätzen. Dass es sich hier nach wie vor um eine Übung handelt, daran denkt im Eifer des Gefechts keiner der 62 Beteiligten mehr.

Alle sind freiwillig hier

Die Übung läuft seit drei Stunden, als Benjamin über Funk die erlösenden Worte ausspricht: „Wasser halt! Übungsende!“ Die von allen Beteiligten abfallende Anspannung ist deutlich zu sehen. Jetzt noch eine kurze Auswertung der Übung: Was lief gut, was kann verbessert werden? „Ich bin mehr als zufrieden mit den gezeigten Leistungen, alle vermissten Personen wurden gerettet und der Brand wurde erfolgreich bekämpft“, lobt Benjamin die vor ihm stehende Mannschaft. „Ich bin wirklich sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Übung. Es ist schön zu sehen, dass das, was theoretisch vermittelt wurde, in stressigen Situationen routiniert in die Praxis übertragen wird.“ Auch bei der anschließenden Feier im Gerätehaus der Feuerwehr Niederahr gibt es lobende Worte der Eltern. Sowohl Benjamin und der restliche Organisationsstab als auch die Kinder erhalten anerkennende Zusprache.

Die Zahl der ehrenamtlichen Mitglieder in Vereinen ist weiterhin rückläufig. So engagierten sich 2016 laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Gfk/Enigma nur noch rund 19 Prozent der 12- bis 15-jährigen in Organisationen wie der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk. „Jeder kann einen kleinen Beitrag leisten, sei es durch die aktive Mitarbeit in einer Wehr, finanzielle Unterstützung in Form von Spenden oder einfach ein Dankeschön. Alle, die heute hier sind, sind freiwillig hier. Sie opfern ihre Freizeit, um Menschen in Notsituationen gut ausgebildet und professionell helfen zu können“, appelliert Benjamin. Dennoch ist es bemerkenswert festzustellen, dass es in Zeiten von Smartphones und Videospielen überhaupt noch Kinder gibt, die in jungen Jahren ihren Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft leisten wollen.

 
Befehlsausgabe durch den Gruppenführer. Foto: Benjamin Grimm
Befehlsausgabe durch den Gruppenführer. Foto: Benjamin Grimm
 

 
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