NS-Dokumentationszentrum

 
Wie konnte es nur so weit kommen?

Ein Gang durch die "Hauptstadt der Bewegung" - wie sich München selbst bezeichnete
Der Studiengang Management und Medien 2015 hat im Pflichtmodul „Mediengeschichte“ eine Exkursion zum NS-Dokumentationszentrum München unternommen. Was verbirgt sich hinter den Mauern des Hauses? Wieder nur ein Museum? Nein! Hier wird man auf dem ehemaligen Standort des "Braunen Hauses" mit Hilfe zahlreicher Bilder und Dokumente durch die Geschichte der nationalsozialistischen Zeit Münchens geführt.

Vier Stockwerke werden für die gesamte Ausstellung genutzt, angefangen mit der Zeit des Ersten Weltkrieges. Als Beispiel lässt sich der damalige Reichstagsbrand in der Nacht vom 28. zum 29. Februar 1933 nennen. Der womögliche Täter war ein Kommunist namens Marinus van der Lubbe, nur ging die damalige Regierung der Aufklärung nicht weiter nach, um stattdessen den Notstand auszurufen und vom Volk die Legitimation für die Notstandsgesetze zu erhalten. Etwas Ähnliches spielte sich 2016 in der Türkei ab: ein Putschversuch, der gründlich schief ging und die Gülen-Bewegung als Feindbild, ohne dem nachzugehen. Stattdessen nutzt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Vorkommnisse zu seinem Vorteil. Er rief ebenfalls den Notstand aus und sperrte viele seiner Gegner ins Gefängnis. Seitdem leidet auch die Pressefreiheit immens unter Zensur und Einschränkungen.

Auf dem "rechten" Auge blind

Vor der Weltwirtschaftskrise 1929 war die NSDAP eher unbedeutend war, das ist nichts Neues. Dennoch war die rechte Gesinnung damals tief im Denken der Menschen verankert. Erkennbar beispielsweise an einem Wahlplakat der Bayerischen Volkspartei (BVP) um 1920 mit der Aufschrift „Raus mit euch, bei uns gibt’s koa` Anarchie.“ Ausdruck einer eher gewalttätigen Sprache, um damalige Kommunisten aus dem Land fernzuhalten. Des Weiteren gab es 40 „rechte“ Parteien. Es war eine Atmosphäre, in der Hitlers Ideen und Vorstellungen gedeihen konnten. So ist es kaum verwunderlich, dass Adolf Hitler trotz seines Putschversuches in der Nacht zum 9. November 1923 am Ende nur acht Monate seiner Strafe im Gefängnis absitzen musste, anstatt die Todesstrafe zu bekommen. Die Richter waren auf dem „rechten“ Auge blind.

Unterschied zwischen Konzentrations- und Vernichtungslager

Die vielen Bilder, Filme und digital aufgearbeiteten Dokumente machen den Besuch der Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum lebendig. Automatisch stellen sich dem Besucher Fragen wie „Worin unterscheidet sich ein Konzentrationslager (KZ) von einem Gefängnis?“ Ins Gefängnis kommt man aufgrund einer Tat, für die man von einem Gericht schuldig gesprochen wurde. Ins KZ wurde man gebracht, weil man einer bestimmten Gruppe Menschen angehörte. 80 Prozent der Gefangenen, die in den KZs festgehalten wurden, überlebten. Ganz anders war es in den sieben Vernichtungslagern, bei denen fast alle Insassen ermordet wurden. Auch Unterlager, wie es beispielsweise bei BMW eines gab, das für die Waffenproduktion Zwangsarbeiter einsetzte, galten als KZ.

Warum steht das Dokumentationszentrum in München? Liegt es am großen hiesigen Interesse an der Geschichte? Vielleicht ja, aber auch weil München sich selbst als „Hauptstadt der Bewegung“ bezeichnete. Der Führer, Adolf Hitler, wurde am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Zu dieser Zeit lebte er zwar in Berlin. Doch wirklich groß wurde er in den Bierkellern Münchens. Oft nutzte er die gesellige Atmosphäre dort, um zum Publikum zu sprechen. Die Gäste hörten ihm zu, viele ließen sich überzeugen, sodass ihm immer mehr folgten. 

Viele haben das drohende Unheil wohl frühzeitig erkannt, wollten aber die Wahrheit nicht sehen und ihre Heimat verlassen. Doch aus heutiger Sicht stellt sich die Frage: Warum sind die Juden nicht geflohen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen? Betrachtet man die Gegenwart, lassen sich Parallelen feststellen. Viele Länder schließen ihre Grenzen und wollten keine Flüchtlinge aufnehmen wie zum Beispiel Ungarn. Deutschland lernte aus der Vergangenheit und nahm laut Thomas de Maizière allein 2015 ca. 890.000 Schutzsuchende auf.

Geschichte ist vielfältig

Woran erkannten die Nazis einen Juden? Sie prüften die Dokumente von verdächtigen Personen. Wenn mindestens drei Personen bis zur dritten Generation dem jüdischen Glauben angehörten, galten sie als "reine" Juden. Anhand der familiären Dokumente wurde auch geprüft, ob jemand "Arier" war, der sogenannte „Ariernachweis“. Bei einer solchen Prüfung stellte sich später heraus, dass Hitlers Vorfahren darauf schließen lassen, dass er selbst kein "Arier" war.

Die Führung durch das NS-Dokumentationszentrum zeigte auf, wie vielschichtig die Geschichte ist. Doch gab es nicht nur Anhänger und blinde Gefolgsleute der Nazis. Auch Widerstand ist dokumentiert. Es gab eher harmlosen Widerstand, wie das Einkaufen bei Juden. Zu befürchten hatte man dennoch Gewalt von Nazis. Ernsthafterer Widerstand äußerte sich im Abdrucken gegnerischer Schriften. Die Geschichte der Geschwister Scholl und der Weißen Rose, die bekennende Gegner des Regimes waren, wird ebenfalls aufgezeigt. Das Verteilen von Anti-Kriegs-Schriften mit Sätzen wie „Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern“ wurde durch das Gesetz zur Wehrkraftzersetzung mit dem Tode bestraft.

Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten

Neben den Gegnern, die ihre Abneigung gegenüber dem Regime offen zeigten, gab es leider auch viele, die zwar dagegen waren, jedoch aus Angst mitmachten. Gerade im Krieg kann ein Volk schnell die Menschlichkeit verlieren. Trotz der schrecklichen Erlebnisse sollte man diese aber in Erinnerung halten. Man darf nicht vergessen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist, um diese Fehler nicht zu wiederholen. 

Damals hat sich vielleicht jeder Hundertste gegen die Ideologie des Nationalsozialismus entschieden. Hätten sich mehr dagegen entschieden, wäre es womöglich nie so weit gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auch Deutsche, die sich wegen ihrer Herkunft schämten. Andere waren stolz darauf, deutsch zu sein. Beide Ansichten seien nicht gut, meint Anuschka Debes, die Führungen durch das NS-Dokumentationszentrum macht. „Ein Deutscher zu sein, ist keine eigene Leistung. Entscheidend ist, was jeder Einzelne tut.“ 

Fotos: Daniel Schmidt

 
Die Studenten hören Anuschka Debes zu, die durch das Zentrum führt.
Die Studenten hören Anuschka Debes zu, die durch das Zentrum führt.
 

 
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