Interview

 
"Wir haben ja schließlich nur uns."

Lucas Müller*, 22 Jahre alt und Soldat, erzählt über die ganz besondere Verbundenheit zu seiner 13-jährigen Schwester Nele*.
Geschwister sind ein Geschenk aus Fleisch und Blut. Sie sind da, wenn es die Eltern nicht mehr können. Sie erinnern uns an jeden Moment unserer Kindheit. Sie stibitzen Essen von unserem Teller, nehmen uns die Fernbedienung weg oder rauben uns einfach den letzten Nerv. Aber, wenn es drauf ankommt, dann hält jeder zu dem Anderen. Lucas Müller (22) und seine Schwester Nele (13) haben eine unvergleichliche Verbundenheit dadurch, dass Nele mit Down-Syndrom zur Welt kam. Obwohl Lucas als Soldat nur selten zuhause sein kann, verbindet die beiden mehr als nur dieselbe Mutter, wie er im Interview verrät.

Salimhanov: Sie erinnern sich bestimmt noch an den Moment, als Sie erfahren haben, dass Ihre Schwester Trisomie 21 haben wird. Wie war dieser Moment für Sie? Erzählen Sie mal.

Müller: Ich war neun Jahre alt und hatte mich mit Trisomie 21 vorher noch nicht wirklich beschäftigt. Ich habe nur gemerkt, dass meine Mutter viel geweint hat. Für sie war die Situation auch völlig neu. Als ich meine Schwester im Krankenhaus zum ersten Mal gesehen habe, merkte ich schon, dass sie anders aussah als andere Babys. Meine Mutter hat mir dann nach und nach erklärt, wieso Nele anders sein wird. Mir was das aber egal. Ich habe Nelly von Anfang bedingungslos in mein Herz geschlossen.

In den ersten zwei Jahren habe ich nicht gemerkt, dass sie anders ist.

Hat sich später bestätigt, dass Ihre Schwester nicht nur anders aussieht, sondern sich auch anders verhält? Wie haben Sie das wahrgenommen?

In den ersten zwei Jahren mit meiner Schwester habe ich überhaupt nicht gemerkt, dass sie anders ist. Was mit jedoch auffiel war, dass sie länger, als andere Kinder in ihrem Alter, Windeln trug. Durch meine Mutter wusste ich, dass bei Kindern mit Trisomie 21 die Entwicklung um zwei bis drei Jahre zurückgestellt ist. Für mich war das aber von Anfang an nicht wichtig. Ich habe auch keine anderen Geschwister, wodurch ich auch keinen Vergleich hatte. Ich konnte mit ihr aber trotzdem normal spielen und viel Spaß haben.

Was genau hat das Dasein von ihr, in Ihnen verändert?

Meine Mutter sagt mir oft, dass ich offenherziger und geduldiger im Umgang mit anderen Menschen bin als früher. Ich finde auch, dass sich meine Interessen mehr in den sozialen Bereich entwickelt haben. Bei Praktika oder Vorträgen in der Schule habe ich mich oft mit dem Thema Down-Syndrom beschäftigt. Ich wollte auch, dass meine Mitschüler verstehen, dass meine Schwester nicht unnormal ist. Mein Leben hat Nele im Prinzip nur in guten Dingen beeinflusst. Ich kann sagen, dass meine Schwester und ich mit den Jahren zu einem unschlagbaren Team zusammengewachsen sind. Ich versuche ihr auch permanent das Gefühl zu geben, dass sie nicht anders ist. Indem ich ihr auch oft sage, wie hübsch sie ist – und sie so niemals denkt, dass andere besser sind als sie.

Die innige Bindung ist wirklich bemerkenswert, wie gehen Sie mit der ständigen Trennung durch Ihren Job um?

Anfangs war es sehr schwierig. Da gab es oft die Situation, dass sie Sonntagabend an meinem Bein hing und nicht wollte, dass ich gehe. Wirklich gebessert hat sich das leider auch nicht. Sie ist immer sehr traurig, wenn ich wieder fahren muss. Auch mir fällt es jedes Mal nicht leicht, sie dann am Fenster winken zu sehen, wenn ich ins Auto steige. Dadurch, dass meine Mutter alleinerziehend ist, fehlt ihr auch die männliche Bezugsperson. Den Platz nehme ich oft ein.

In solchen Situationen braucht man viel Geduld und Feingefühl.

Das äußert sich zum Beispiel im Schwimmbad. Wenn sie auf dem Drei-Meter-Sprungturm steht und sich nicht traut. Dann bildet sich hinter hier eine Schlange aus Menschen, die anstehen. Das verunsichert sie dann noch mehr. In solchen Situationen probiere ich ihr Mut zuzureden, damit sie entweder springt oder ich versuche, ihr das Selbstbewusstsein zu geben, dass sie geht.

Haben Sie schon einen Plan für die Zukunft? Fühlen Sie sich in der Verantwortung für Sie da zu sein? Fühlen Sie sich in der Verantwortung für Sie da zu sein?

Ich möchte auf keinen Fall die Sorte Bruder sein, die komplett den Bezug zu seinen Geschwistern verliert und nur einmal monatlich zu Besuch kommt. Sollte irgendwann der Fall eintreten, dass Nele meine Mutter nicht mehr hat, dann sehe ich es als meine Aufgabe an, für sie da zu sein. Bis dahin versuche ich natürlich, dass unsere Bindung aufrechterhalten wird. Wir haben ja schließlich nur uns.

Das waren wirklich sehr schöne Worte zum Abschluss. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen.

Gerne, kein Problem.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

 
Die Freude von Lucas und Nele ist groß, wenn sie sich endlich wiedersehen. Foto: Alica SalimhanovDie Freude von Lucas und Nele ist groß, wenn sie sich endlich wiedersehen. Foto: Alica Salimhanov
 

 
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