Tierheime in der Coronakrise

 
"Wir haben richtig Panik"

Viele Menschen in Deutschland haben sich während der Lockdowns ein Haustier zugelegt. Doch mit den Lockerungen schwindet bei manchen Haltern das Interesse an Katze, Hund und Co. Das Resultat: Die Tiere werden abgeschoben - und landen in den ohnehin schon stark belegten Tierheimen. Eine Reportage, über die drohende Krise nach der Krise.

 

An einem Tisch vor dem Gebäudeeingang des Tierheims in Aschaffenburg sitzt Christiane Eisenbach. Die junge Frau telefoniert und tippt dabei mit der Rückseite ihres Kugelschreibers auf ein weißes Blatt Papier. Es geht mal wieder um einen Hund, mit dem die Halter überfordert sind. Eisenbach ist Tierpflegerin und Trainerin im Bereich Hunde. Schon jetzt habe sie mit den Auswirkungen der Coronakrise und den Lockdowns zu kämpfen. Es gäbe inzwischen mehr Problemhunde, vor allem durch schlechte Haltung oder fehlende Erziehung. Den Hauptgrund dafür sieht sie klar in den monatelang geschlossenen Hundeschulen: „Leute mit fehlender Erfahrung standen da meistens ganz schön allein auf weiter Flur“, sagt Christiane Eisenbach. Viele Tiere kämen nicht nur in einem vernachlässigten Zustand zu ihnen, sondern seien auch kaum erzogen. Doch um eine schlechte Erziehung zu verbessern, bedürfe es an Zeit, Geduld und vor allem Erfahrung. Erfahrung, die viele Halter nicht haben.

Christiane Eisenbach nimmt den Anruf einer verzweifelten Hundebesitzerin entgegen. (Foto: Romana Rohden)

Doch es werden nicht nur vernachlässigte Hunde abgegeben. Lukas Kneisel ist als Tierpflegeleitung zuständig für die Exoten des Heims. Gerade kümmert er sich um das Terrarium einer Boa Constrictor Imperator, einem Dauergast, der das Tierheim bereits seit mehreren Jahren bewohnt. Im Tierheim haben ihr die Mitarbeiter scherzhaft den Namen „Rocky Bal Boa“ gegeben. „Wir haben tatsächlich nicht mehr oder weniger Abgabetiere. Wir haben aber Tiere, die in deutlich schlechterer Verfassung zu uns kommen“, sagt er und schiebt das Streu im Terrarium zurecht, während „Rocky Bal Boa“ sich auf einen Felsvorsprung zurückzieht.

Gerade während der Lockdowns hätten sich viele Menschen spontan ein Haustier zugelegt, erklärt Kneisel. Besonders beliebt wären auch Reptilien gewesen. „Das Tier muss immer exotischer werden.“ Vor allem aber seien für viele Tierheime auch die Finanzmittel ein Problem. Denn Tierheime würden nur in den wenigsten Fällen von den Städten oder Gemeinden geführt und finanziert. Normalerweise zahle eine Stadt nur einen kleinen Betrag pro Einwohner. In Aschaffenburg sind das 50 Cent pro Einwohner, sowie die Übernahme der Kosten für Fundtiere. Auf Fixkosten, Abgabetieren, Arztkosten und Renovierungsarbeiten bliebe in der Regel das Tierheim sitzen. Die Finanzierung laufe über Vereine, Veranstaltungen, Spenden oder über die Tiervermittlung. Ohne öffentliche Veranstaltungen würden pro Jahr circa 50.000 Euro fehlen, sagt Kneisel.

Lukas Kneisel, Tierpflegerleitung, mit dem Exoten "Rocky". (Foto: Julian Pabst)

Siegfried Gebhardt, 1. Vorsitzender des Tierschutzvereins Aschaffenburg, ist stolz auf sein Tierheim. Mit seiner Erfahrung als Rettungssanitäter wird Arbeitsschutz und Hygiene bei ihm großgeschrieben. Er kann auf eine bisher positive Bilanz zurückblicken: Im Tierheim gab es bis jetzt keinen einzigen Corona-Fall. Auch finanziell seien sie in keine Schieflage geraten, so Gebhardt. „Aschaffenburgs Bürger und Politiker waren sehr spendenfreudig, sehr großzügig.“

Auch die Umstellung der Tiervermittlung auf Online und per Telefon blickt das Team positiv zurück. Im Vorfeld können sich die Tierpfleger so die Zeit einplanen, die sie für das Tier, aber auch den potentiellen neuen Halter brauchen. Durch den Kontakt kann das Tierheim bereits vor dem Treffen abklären, ob das gewünschte Tier und der Halter beiderseits die Rahmenbedingungen für eine Vermittlung erfüllen. Ein Konzept, das man auch nach Corona weiterführen möchte. Man nehme sich gerne die Zeit, sowohl für die Tiere, als auch für die neuen Halter da zu sein, so Lukas Kneisel.

Siegfried Gebhardt stolz vor dem neuen Fahrzeug, welches zur Rettung und Abholung von Tieren genutzt wird (Foto: Romana Rohden)

Große Sorgen macht sich das Team um Lukas Kneisel allerdings vor einer „Flut an Abgaben“ nach der Corona-Zeit. „Wir haben Panik! Wir haben richtig Panik, vor dem, was für eine Flut an Tieren kommen wird“, sagt er. Zwar habe man in den letzten Jahren vielen Herausforderungen und Problemen die Stirn bieten können, dennoch spüre er und das Team eine gewisse Ungewissheit. Noch könne man nicht genau abschätzen wie groß die Nachwirkungen von Corona am Ende seien, man rechne aber mit dem Schlimmsten: Einer Flut von Tieren, meist mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen, deutschlandweit. In Bremen herrscht schon jetzt Annahmestopp, andernorts, wie in Berlin, Frankfurt oder Dachau wird vor einer „Rückgabewelle“ gewarnt. Auch der Tierschutzbund bittet auf seiner Website um Spenden, da vermehrt Tierschutzvereine und Tierheime „um ihre Existenz bangen“ würden. Für viele Tierheime könnte die Krise nach der Krise noch bevorstehen.

Schon jetzt gibt es immer mehr Problemtiere im Tierheim. Die Gründe seien schlechte Haltung und Erziehung (Foto: Julian Pabst)
 
 

 
Redaktion

 

 
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