Wohlstandsbauch war gestern - Fit per App

Wenn eine App den Personal Trainer ersetzt.
Thommy, oder auch Rocky, wie er früher von seinen Freunden genannt wurde, findet durch eine Fitness-App zurück zum Sport, den er jahrelang vernachlässigt hatte.

Es ist sieben Uhr morgens. An einem Samstag. „Brave New World“ schallt aus dem Handy, eigentlich ein genialer Song von Iron Maiden, als Weckermelodie im Morgengrauen jedoch zu heftig. Das Smartphone liegt abseits vom Bett. So positioniert, dass ich aufstehen muss, um den Wecker abzustellen. Kleiner Trick zur Selbstüberlistung, damit ich auch wirklich nicht liegenbleibe. Draußen ist es dunkel. Normal für diese Jahreszeit.

Die Verabredung mit Thommy würde ich am liebsten verschieben. Zu müde. „Dying swans, twisted wings, beauty not needed here“, singt Bruce Dickinson, Sänger der “Eisernen Jungfrau”. Zeit, den Wecker auszuschalten. Ich steige aus dem Bett und laufe zum Tisch vor dem Fenster, auf dem das Smartphone liegt. Ungewöhnlich, heute hier zu sein, auf dem Campus, an einem Samstag. Normalerweise hätte ich die Nacht bereits zuhause verbracht, bei meiner Frau. Wir hätten ausgeschlafen und anschliessend gemeinsam gefrühstückt. Heute frühstücke ich mit Thommy. Mir kommen Zweifel, ob er sich nicht selbst nochmal hingelegt hat. Ich checke meine WhatsApp-Nachrichten, prüfe seinen letzten Online-Status. Zuletzt online: Heute, 07.01 Uhr. Ob er auch an mir gezweifelt hat? Verabredet haben wir uns um halb acht bei ihm.

Sport oder Bachelor

Thommy war mal sehr sportlich. Seine Kumpels nannten ihn früher "Rocky" nach der fiktiven Boxlegende Rocky Balboa, gespielt von Sylvester Stallone. Kraft und Ausdauer waren sein Spezialgebiet. Kurz nachdem er an die Uni versetzt wurde, konnte er jedoch nicht mehr so viel Zeit in den Sport investieren. Er war kein Student, dem das Lernen leichtfiel. Legten andere Kommilitonen Bücher und Skripte am Abend zur Seite, musste Thomas weiter büffeln. Anfangs ließ er sich manchmal noch ablenken, wenn Freunde an die Tür klopften. Doch das änderte sich nach den ersten Prüfungen. Thommy musste mehr für die Uni tun, wenn er den Bachelorabschluss schaffen wollte. Den Sport stellte er hinten an. Die Spuren sind nicht zu übersehen: Nicht mehr so agil wie vor drei Jahren, als ich ihn kennenlernte. Nicht mehr so definiert wie noch zu Beginn des Studiums.

Ich klopfe zweimal. Das Plakat eines Horrorstreifens hängt an seiner Tür. Thomas öffnet. Er wirkt frisch. „Moin, Matze“, ruft mir der gebürtige Bremer mit typisch norddeutschem Dialekt entgegen. „Grüß dich, Thomas. Alles fit?“

Seit sechs Uhr sei er bereits wach. Er scheint sich auf das Experiment zu freuen. Schwierig war es nicht, ihn zum Mitmachen zu bewegen. Mit diesem Test möchte ich mir einen Eindruck verschaffen, ob Fitness-Apps die Motivation und auch die sportliche Leistung steigern. Er war gleich bei der Sache: „Matze, da bin ich genau der richtige Mann für dein Vorhaben“, erinnere ich mich an seine Worte. Das Frühstück hat er bereits vorbereitet. Was Sportler nach einem Workout zu sich nehmen, weiß Thommy noch aus früheren Zeiten. „Wir frühstücken, nachdem ich das Workout gemacht habe.“

Er zieht sich um. Als er fast unbekleidet vor mir steht, sehe ich das ganze Ausmaß. Sein Oberkörper wirkt schlaff. Scherzhaft frage ich, ob er zum Sportmachen nicht auch einen Sport-BH tragen wolle. Er zieht die Augenbrauen nach oben. Wunder Punkt? Nein. Seinen Humor hat er nicht verloren. Schon seit jeher pflegen wir einen grob-spaßigen Ton untereinander. Allein an seinen Beinen zeichnet sich noch eine deutlich sichtbare Muskulatur ab. Das läge am vielen Fahrradfahren auf dem Campus.

Seine Sportkleidung liegt auf seiner Couch. Eine graue, locker-sitzende Jogginghose, dazu ein Shirt in auffälligem Neongrün. Seine Laufschuhe passen farblich zum restlichen Outfit: schwarz mit weißen Streifen. Er wirft sich noch eine blaue Jacke mit silbernen Reflektoren über. Thommy legt Wert auf seine Erscheinung - auch beim Sport. Nicht zuletzt dieser Eigenschaft verdanke er den Ehrgeiz, seinen Körper wieder in Form zu bringen. „Na denn: Auf geht’s!“

Fitness-App und doch kein Sport!?

Gemeinsam gehen wir zur ehemaligen Luftwaffen-Landebahn. Es ist kurz vor acht, als wir am Drehkreuz stehen und das Unigelände verlassen. Langsam wird es hell. Auf dem Weg zur „Flight“ frage ich Thomas, ob er sich wie vereinbart eine Fitness-App auf sein Smartphone geladen hat. „Jo. Freeletics. Die hab‘ ich schon seit ein paar Jahren.“ „Seit ein paar Jahren?“, frage ich etwas ungläubig. „Was bringt‘s dir, wenn du sie nie nutzt?“, „ Naja … genutzt hab ich sie schon. Früher eben, als ich noch gesportelt habe. Und allgemein fühlt man sich halt irgendwie bessser, wenn man so etwas auf dem Handy hat.“

Psychologischer Nutzen?

Neun Prozent der User nutzen ihre Fitness-App seltener als einmal pro Monat oder sogar überhaupt nicht.

So habe ich noch nie darüber nachgedacht. Tatsächlich haben einige Freunde und Bekannte solche Apps auf dem Handy, treiben aber gar keinen Sport. Vermitteln Fitness-Apps also auch ein Gefühl, etwas getan zu haben, auch wenn man nichts getan hat?

Fitnesstrainer aus der Hosentasche

Freeletics ist eine App, die ein auf Fettverbrennung und Muskelaufbau ausgerichtetes Workout ermöglichen soll. Neben Gratis-Übungen kann man auch durch In-App-Käufe zahlreiche weitere Trainings erwerben. Die Produkte kosten zwischen 13 und 145 Euro. Ziemlich teuer für ein digitales Produkt. Ein Abonnement kann in Monatspaketen zu drei, sechs und zwölf Monaten abgeschlossen werden, wobei die Pakete jederzeit fristlos kündbar sind. Die Pakete unterscheiden sich dann nur noch im Preis pro angefangener Woche.

Zahlen, bitte!

42 Prozent der User von Fitness-Apps in Deutschland nutzen diese mehrmals pro Woche, 25 Prozent sogar täglich. 53 Prozent greifen dabei überwiegend auf Lauf-Apps zurück.

Auch hier schwanken die Preise zwischen 35 Euro für drei, 60 Euro für sechs und 80 Euro für zwölf Monate. Auf ihrer Homepage werben die Betreiber mit durchtrainierten Männern und Frauen. Vorher-Nachher-Vergleiche zeigen Trainingserfolge von Mitgliedern. In weißen Großbuchstaben auf bebilderten Hintergründen wird Besuchern versprochen, die Bestform ihres Lebens zu erreichen, motiviert zu bleiben, überall die Gelegenheit für den Sport wahrzunehmen zu können.

„Schnelle“ Ergebnisse

Thomas erzählt, dass er schon länger plane, wieder mit dem Sport zu beginnen. Es fehle ihm das gute Gefühl, etwas für seinen Körper zu tun. Außerdem hat er im Sommer seine Bachelorarbeit abgegeben. Der Master ist ihm nicht wichtig. Seine Dienstzeit wurde auf die vollen 13 Jahre festgesetzt. Um das zu erreichen, ist der Abschluss des Bachelors notwendig. Ziel erreicht. Nun soll ihm die App helfen, wieder in den Sport einzusteigen, dort weiterzumachen, wo er einst abrupt aufgehört hat.

Wir stehen an der Flight. Sie erstreckt sich vor uns auf einer Länge von über zwei Kilometern. Die Temperatur fühlt sich mild an,  obwohl das Handy nur sieben Grad anzeigt. Nochmal ist es ein wenig heller geworden. Die Sicht reicht bis an die Alpenkette. Die Gipfel sind mit Schnee bedeckt.

Für das heutige Training nutzt der Bremer Freeletics Running. Er steigt mit einem kostenlosen Workout ein. Zuvor macht er einige Dehnübungen, die er noch vom Fußballtraining kennt. Sieben Jahre war er in einer Kinder- und Jugendmannschaft in Bremen aktiv, ehe er nach seinem Abitur in die Bundeswehr eintrat.

Es geht los. Die App hat für ihn ein Workout zusammengestellt. Die Eingaben, die notwendig sind, damit die App ein individuelles Workout vorschlagen kann, hat er noch am Vorabend gemacht. Zehn Mal soll er jeweils 200 Meter schnell laufen, nicht aber sprinten. Zwischen den Einheiten sind 30- sekündige Pausen vorgesehen. Zwei Kilometer insgesamt. Für mich klingt das Programm für einen Anfänger oder Wiedereinsteiger mehr als anspruchsvoll. Hat er sich selbst bei den obligatorischen Eingaben zur Person belogen? Oder setzt die App zu viel voraus? In der Tat wird vor Selbstbetrug gewarnt. Fehlinformationen sind eine relevante Fehlerquelle, die zu gesundheitlichen Schäden führen kann, so ein Sportlehrer der Universität.

Warnung vor Selbstbetrug

Gesundheitsschäden treten häufig aufgrund von Selbstüberschätzung auf. Viele User halten sich oft nicht an die Vorgaben der Apps und wollen sich selbst etwas beweisen. Physiotherapeuten behandeln Patienten oft wegen Überdehnung der Bänder und Versteifung der Muskulatur.

Sein Smartphone muss er während des Trainings bei sich tragen. Über GPS erkennt die App die zurückgelegte Strecke. Die Zeit beginnt zu laufen, sobald er loslegt. Thomas spurtet los. Von meinem Standpunkt aus höre ich noch leise die anspornenden Zurufe der App.

Nach einer gefühlten Minute läuft er aus und geht ein paar Schritte. Die App zählt die 30 Sekunden, die ihm für die Pause bleiben. Er macht sich bereit für die zweite Runde, geht noch ein paar Schritte und beginnt wieder zu laufen. Erneut vergeht eine gefühlte Minute, ehe er am Ausgangspunkt bei mir ankommt. Er atmet schnell, geht einige Schritte auf und ab, damit sich die Muskulatur nicht versteift und er keinen Krampf bekommt.

Ich nehme sein Handy. Die Zeiten für die ersten Runden: 1,06 und 1,05 Minuten. Thomas steht nach vorne gebeugt neben mir mit den Handflächen auf die Schenkel gestützt, bereit für die dritte Runde. Die App zählt die letzten Sekunden. Er steckt seinen „Personal Trainer“ in die Hosentasche. „Vier. Drei. Zwei. Eins.“ Thomas läuft los. Nach circa drei Minuten steht er abermals neben mir. Erneut schaue ich auf die Zeiten, die Freeletics Running für ihn dokumentiert. Die dritte Runde absolvierte er mit derselben Zeit, die er auch in der ersten Runde gebraucht hat. In der vierten Runde schafft er es, die Zeit auf unter eine Minute zu drücken. Wieder zählt die App die Zeit, bis Thommy in die nächste Runde starten soll. Noch sechs Wiederholungen. Seinen schlechtesten Wert erreicht er in Runde 9 mit 1,12 Minuten. Sein Ehrgeiz packt ihn in der letzten Runde. Aus 200 Metern Entfernung sehe ich ihm zu, wie er -statt schnell zu laufen- einen Sprint hinlegt. 36 Sekunden braucht er, bis er sichtlich erschöpft bei mir ankommt. Nach einigen Schritten des Auslaufens steht er grinsend neben mir. Ob das Sinn der Sache ist, sich selber derart zu pushen?

Auch hier liegen Risiken, denen man ausgesetzt ist, wenn man auf einen digitalen Helfer vertraut. Freeletics Running dokumentiert Zeiten, gibt Anweisungen, welche Trainingseinheiten absolviert werden sollen, motiviert mit Sprüchen wie „Gib nochmal alles.“ Oft aber trainieren die User falsch, ohne dass die App intervenieren kann. „Die häufigsten Ursachen für Gesundheitsschäden sind einseitige Belastung, falsch ausgeübte Bewegungen und der eigene Ehrgeiz“, erklärt mir ein ortsansässiger Physiotherapeut. Das Workout ist vorbei. Thomas beendet das Training sichtlich geschafft, aber zufrieden mit seiner Leistung und motiviert für weitere Trainingseinheiten. Wir treten den Weg zurück in sein Appartement an, wo wir frühstücken: Lachs-Brötchen und einen fruchtigen Smoothie.

Zurück zu alter Form

Fünf Wochen später treffe ich Thommy wieder. Tatsächlich stelle ich fest, dass seine Motivation geblieben ist: Die App habe ihm dabei geholfen, zu alter Form zurückzufinden. Neben Freeletics Running hat er sich zusätzlich Freeletics Gym auf sein Handy geladen. Der Fitness-Rausch hat ihn nachhaltig gepackt.

 

 

 
Thommy begutachtet seine Ergebnisse auf dem Smartphone.
 

 
Redaktion

 

 
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