Seit Monaten das selbe Bild, eine gähnende Leere herrscht auf den deutschen Fußballplätzen. (Foto: Julian Schweigert)
 

 
Die unerzählten Geschichten des Amateurfußballs

Neubiberg (JS & GP) - Bereits seit über 155 Jahren wird auf deutschem Boden gekickt und das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern. Doch ist unbestritten, dass diese lange Zwangspause bedingt durch die Corona Pandemie dem Amateurfußball sowie dem ganzen Breitensport große Probleme bereitet hat. Über sieben Millionen (7.169.327 Q: Dfb) Menschen sind im Deutschen Fußball-Bund als Mitglieder von über 24.000 Vereinen organisiert, dass ist der größte Sportverband der Welt. Das heißt, dass sich 9 Prozent der Deutschen wöchentlich zum Fußballspielen auf Vereinsebene treffen, nimmt man noch die Hobbyspieler dazu sind es über 11 Prozent. An diesenZahlen kann man schon das Ausmaß der Betroffenheit erahnen, das mit dem Ausübungsverbot einherging.

 

Die momentan geltenden Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus lassen Mannschaftssportarten momentan nicht zu, aus diesem Grund steht der Amateurfußball in ganz Deutschland still. Für Spieler, Vereine und Fans herrscht weiter Ungewissheit, wann der Ball auf den Bolzplätzen wieder rollt. Für die Fußballverbände gestaltet sich die Situation auch als sehr kompliziert, weil man natürlich auch vor der Frage steht: Saison abbrechen, warten und weiterspielen? Die perfekte Lösung gibt es nicht.

Fußball ist mehr als nur 22 Menschen, die einem Ball hinterherrennen, Fußball ist Liebe, Emotion und Leidenschaft, die jeder einzelner Fußball lebt und fühlt, egal wie gut oder wie „schlecht“ man sein mag. Die Herkunft spielt eine genauso geringe Rolle wie Job, Abschluss oder andere gesellschaftlichen Grenzen. Auf dem Sportplatz sind alle gleich, und alle lieben das Runde. Fußball verbindet. Und das Herzstück dessen bilden wir, die Fußballspieler. Deshalb stehen im Folgenden die Spieler mit ihren Gefühlen und Gedanken im Fokus. Um ein Bild von der Situation zu erhalten haben wir bei den Vereinen im Umkreis der Universität der Bundeswehr München nachgefragt -  in Form einer Umfrage, persönlichen Gesprächen und Interviews. 

 

Etienne (35) Foto: Julian Schweigert

Etienne (35)

Foto: Julian Schweigert

Fußball gehört für Etienne schon von klein auf zu seinem Leben. Zwischenzeitlich hat er lange Zeit „nur zum Spaß“ Fußball gespielt und spielt erst seit einem halben Jahr wieder im Verein. Fußball bedeutet ihm sehr viel „Meine Frau sagt, sie kommt immer direkt nach dem Fußball“, es war der Hauptbestandteil seiner Freizeit. Corona habe ihn in Bezug auf Sport zum Umdenken gebracht. Mittlerweile widmet er sich einem Marathon-Lauf und fühlt sich deutlich fitter. Fußball ist jedoch nicht vergessen, er sieht es eher als Vorbereitung für das Fußballspielen nach Corona.

 

 

Joshua (23) Foto: Julian Schweigert

Joshua (23)

Foto: Julian Schweigert

Seine Freunde hat Joshua hauptsächlich beim Fußball getroffen, somit fehlt ihm der soziale Kontakt. Die körperliche Fitness leidet seinen Angaben nach auch darunter, da er den Fußball durch keinen anderen Sport ersetzt. Die Tatsache, dass Profispieler aktuell spielen dürfen, empfindet er in Ordnung, denn sie verdienen ihr Geld damit und sind an Verträge gebunden.

 

 

Yanneck (22) Foto: Julian Schweigert

Yanneck (21)

Foto: Julian Schweigert

„Es fehlt einfach die Möglichkeit, Dampf abzulassen.“, beschreibt Yanneck (22). Jedoch kann er sich physisch mit dem Laufen aushelfen. Er spielt seit 16 Jahren im Verein und hat dort seine Liebe zum Fußball entdeckt. Das Vereinstraining, welches online stattfindet, wird nicht als verpflichtendes Training wahrgenommen und es erscheinen immer weniger. Privat trifft man sich gar nicht mehr, erzählt er, und vergleichbar ist das Online-Training auch nicht. Der Fußball im Fernsehen ist ein kleiner Trost für ihn. Dass er momentan nicht spielen kann, findet er verständlich.

 

 

Essy (33) Foto: Julian Schweigert

Essy (33)

Foto: Julian Schweigert

In der neuen Folge Brandl-Crema erzählt unser Vereinskollege Essy von den Veränderungen im Fußball durch Corona und wie er damit umgeht. Beim Amateurfußball geht es auch nicht nur um den körperlichen Aspekt, sondern auch um das Gemeinschaftsgefühl. Es fehlt einfach das Agieren im Teamgefüge, auch mal hinterher gemeinsam ein Bierchen zu trinken. Fußball verbindet und seine Bedeutung geht über die persönlichen Interessen des Einzelnen hinaus. So wird im Podcast auch über die Bedeutung des Fußballs für Kinder in problematischen Lebensumständen und Fußball-politische Fauxpas gesprochen. Lust auf mehr? Einfach zurücklehnen und 20 Minuten in die Welt des Amateurfußballs eintauchen.

 

Um das Stimmungsbild unter Spielern und Verantwortlichen in den Vereinen einzufangen, haben wir eine Umfrage unter über 100 Vereinsmitgliedern durchgeführt, wobei 99 für die Datenerhebung relevant waren. Der Altersdurchschnitt lag bei 28 Jahren, die Befragten waren im Schnitt bereits seit über 13 Jahren als Vereinsmitglieder tätig. Wir haben mehrere Fragen bezüglich des Vereinslebens und den durch die Pandemie ausgelösten Veränderungen gestellt, um ein allgemeines Stimmungsbild der Betroffenen zu erhalten. Das Gute zuerst, auf die Frage ob jemand durch das anhaltende Ausübungsverbot im Amateurfußball darüber nachdenkt seine Vereinstätigkeit zu beenden antworteten ausnahmslos alle mit  „Nein“. Jedoch haben wir im Folgenden einige Fragen grafisch aufgearbeitet, um zu zeigen welch ein massiver Teil des Alltags den Spielern und Verantwortlichen durch die Pandemie genommen wurde. Einer der offensichtlichsten Auswirkungen ist natürlich, dass die Wöchentliche mit Vereinstätigkeiten Verbrachte Zeit nun wegfällt daher wollten wir von den Teilnehmern erfahren wie viel Zeit sie zuvor mit ihrem Hobby verbracht haben.

 

In der Grafik ist zu erkennen, dass sich die Spannweite der Angaben zwischen 3 und 18 Stunden pro Woche bewegt und der Großteil eine Dauer von 6 bis 8 Stunden angibt. Somit kann man durchaus die Aussage treffen, dass hier eine massive Veränderung im Leben der Betroffenen stattgefunden hat. Ein weiter Indikator hierfür ist die Anzahl an Sozialkontakten, die durch Vereinstätigkeit generiert werden. Die meisten Befragten geben an 10 bis 13 Prozent ihrer Kontakte aus dem Verein zu haben.

 

In einem krassen Gegensatz hierzu steht natürlich die Angabe über den Kontakt zur entsprechenden Personengruppe, deutlich über 60 Prozent geben an kaum oder gar kein Kontakt mehr zu anderen Vereinsmitgliedern zu haben.

 

Ein weiterer Aspekt, den wir in unserer Umfrage betrachtet haben, ist die physische Verfassung der Befragten, knapp ein Drittel gaben an sich weiter regelmäßig sportlich zu betätigen. Dennoch bleibt die Auslastung deutlich unter dem „Normalbetrieb“.

 

Fußball ist etwas Persönliches, Fußball kann man nicht einfach so beschreiben und abbacken, deshalb haben wir im Rahmen des Möglichen (unter den geltenden Hygienebestimmungen) versucht Fußballer aus der Umgebung zu Wort kommen zu lassen.

„Amateurfußball ist kein pandemischer Problemfall, sondern fixer Teil der Lösung.“ so BVF-Geschäftsführer Jürgen Igelspacher (Q: BFV). Die Präsidenten und Geschäftsführer der ganzen Fußballverbände setzen sich die die Amateurfußballer ein und richten ihre Appelle an die Politik. Für die Amateurfußballer geht die Corona-Geduldsprobe weiter und ihnen bleibt nichts anderes übrig als ihren gesellschaftlichen Teil zur Besserung der Situation beizutragen.

 

 

 
Redaktion

 

 
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